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170 Jahre Menschenerziehung |
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oder: Zur Pädagogik F. W. A. Fröbels im Lichte der Gegenwart |
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1826 - vor 170 Jahren - schrieb Friedrich Fröbel in Keilhau
sein literarisches Hauptwerk, die "Menschenerziehung".
Viel Zeit ging seitdem ins Land. Wer sich mit Vergangenem beschäftigt,
dem zeigt sich hin und wieder, daß heutige Probleme gar
nicht immer so neu sind. Wer kennt nicht die Klagelieder über
den Zustand der Jugend aus Darlegungen der sogenannten alten
Griechen und Römer. Lassen Sie uns, wie Fröbel es einmal sagte, in ihm und in uns den Reichtum des Vergangenen suchen, mit unserem Denken enge zeitliche Kreise durchbrechen. Gehen wir gemeinsam auf eine Reise. Nutzen wir dazu eine Erfindung, die eng mit Fröbels Zeit verbunden ist, und die es ermöglichte, daß Menschen schneller denn je enge räumliche Barrieren überwinden konnten, die Eisenbahn. Hier und da machen wir Station, kommen an, verweilen, fahren weiter. Fröbel, im thüringischen Städtchen Oberweißbach geboren, lebte von 1782 bis 1852, einer Zeit, eingerahmt von der französischen bürgerlichen Revolution und der bürgerlich-demokratischen Revolution in Deutschland, einer Zeit, eng verbunden auch mit technischen Entwicklungen. Gerade 13 Jahre vor Fröbels Geburt hatte der Engländer James Watt die erste funktionstüchtige Dampfmaschine gebaut. Es wurde möglich, unabhängig von Wind oder Wasser Maschinen zu betreiben. Die Idee, diese Kraftquelle zur Ortsveränderung zu nutzen, setzte 1796 der Franzose Cugnot erst um und dann nach kurzer Fahrstrecke an eine Mauer an. Das schwere Ungetüm ließ sich nicht lenken. An ganz reale Mauern stieß auch Friedrich Fröbel als Kind - die des Oberweißbacher Kirchhofes. Nach dem frühen Tod seiner Mutter war er meist auf sich allein gestellt. Anschütz zitiert 1995 zur ..."örtliche(n) Lage des elterlichen Hauses" in Oberweißbach. Es "war dicht umschlossen von Gebäuden, Mauern, Hecken, Staketen... von einem Hofraum, von Gras- und Gemüsegärten, über die hinaus zu gehen stark verpönt war." Sein Blick war - notgedrungen -auf das Nahe gerichtet. Einengung seines Erlebens- und Erfahrungsraumes, Selbstbeschäftigung und Zurückgezogenheit prägten Fröbel für das ganze Leben nachhaltig. Mangelnde Zuwendung seitens der Familie ließ ihn zum Einzelgänger werden und zum prinzipienfesten Kämpfer gegen die Degradierung kindlichen Tuns. Machen wir hier doch einmal kurz das "Licht der Gegenwart" für Fragen an uns an. * Welche Spiel-Räume haben Kinder und Jugendliche heute? * Werden die "Spielwiesen" nicht immer weniger und die Wege dorthin immer gefährlicher? * Wie reagieren wir auf natürliche Lebensäußerungen von Kindern? Licht wieder aus! 1804 - Fröbel hatte seine Lehrzeit und seine ersten Studienerfahrungen hinter sich und war gerade in den Wanderjahren, da stellte der Engländer Trevithick zum ersten Male eine Dampfmaschine zum Zwecke der Fortbewegung auf Schienen. Die Lokomotive war geboren und damit endlich relativ sicher, daß ein derartiges Ungetüm einen vorher geplanten Weg auch wirklich nahm. In Europa schien ein anderer Weg vorerst unaufhaltsam - der Napoleons. Fröbel, der inzwischen wieder studiert hatte, erste Erfahrungen als Lehrer an eine Musterschule in Frankfurt am Main sammelte und als Hofmeister einer Frankfurter Familie mit den ihm anvertrauten Kindern schon bei Pestalozzi in der Schweiz geweilt hatte, stellte sich in diesen Weg - als Lützower Jäger. In einem Brief an den Herzog von Sachsen-Meiningen, Bernhard Erich Freund, schrieb Fröbel in diesem Zusammenhange: "Mein Streben bekam die Richtung auf das Nationale". Ein verständliches Streben, galt es doch, ein einiges Deutschland zu schaffen aus vielen kleinen und kleinsten Staatengebilden. Menschen mußten zu diesem Ziele hin erzogen werden. 1816 gründete Fröbel in Griesheim bei Stadtilm mit 4 Kindern seines familiären Umfeldes eine Anstalt, der er wenig später den Namen "Allgemeine deutsche Erziehungsanstalt" gab. Licht an. Soetwas war damals möglich. Licht aus. Es war wohl eher das Erziehungsziel und nicht die Größe der Anstalt, die Fröbel ihr einen solchen Namen geben ließ. 1817 siedelte die Anstalt nach Keilhau über. Dort befindet sich heute eine Förderschule für sprachbehinderte Kinder. Hier beginnt Fröbel auch, schriftstellerisch tätig zu werden. Um diese Zeit - genauer: 1825 - fährt auf der Strecke Stockton - Darlington der erste Personenzug der Welt. Befürchtungen werden laut - die Eisenbahn wird die Menschen und die weidenden Tiere krank machen, die rasenden Geschwindigkeiten werden zu Gehirnkrankheiten führen - ich lasse das an dieser Stelle absichtsvoll unkommentiert. Um diese Zeit tritt in Fröbels Schriften etwas häufig das Wort "deutsch" auf. Der Philosoph Krause schreibt an Fröbel, daß er vieles dem deutschen Volke zuschreibe, was nicht allein des deutschen Volkes ist. Ein Zitat des französischen Aufklärers Rosseau, dessen Erziehungsroman "Emile" in die Weltliteratur eingegangen ist, soll uns hier öffnen für das, was der Begriff "Menschenerziehung" meinen könnte: "Wenn er (der Zögling) aus meinen Händen hervorgeht, wird er freilich weder Richter noch Soldat noch Priester sein, er wird zuerst Mensch sein." Das "Allgemeinmenschliche" wurde Erziehungsziel. Rosseau fand sich auch in Fröbels Bibliothek. Diese Lektüre und die Kritik Krauses haben wohl Spuren im Denken und Schreiben Fröbels hinterlassen. 1826 bestand die Keilhauer Anstalt fast 10 Jahre - Jahre der Hoffnung, der Irrtümer, der Erfahrungen. Nun kamen Jahre des Niedergangs - der öffentliche Ruf der Keilhauer Anstalt hatte durch Intrigen und Mutmaßungen gelitten. Es war für ihn wohl an der Zeit, das Erfahrene und Gedachte in einem großen Werk zusammenzuführen, um seine Vorstellungen des "Allgemeinmenschlichen" darzustellen, aber auch, um das in Keilhau Gewordene und Gewachsene öffentlich zu verteidigen. Fährt man mit der Eisenbahn, fliegt das links und rechts der Strecke liegende schnell vorbei. Einzelne Bilder nimmt man dann auf - und so werde ich es auch tun bei meiner Reise durch Fröbels "Menschenerziehung". Was ist der Mensch? Was ist Erziehung? Fröbels Antwort auf die zweite Frage zeigt: Wer ihn verstehen will muß sich auf einen archaisch anmutenden, verschraubten Sprachstil einlassen. "Das Anregen, die Behandlung des Menschen als eines sich bewußt werdenden, denkenden, vernehmenden Wesens zur reinen unverletzten Darstellung des inneren Gesetzes, des Göttlichen mit Bewußtsein und Selbstbestimmung, und die Vorführung von Weg und Mittel dazu ist Erziehung des Menschen." Man kann es auch so sagen: Erziehung ist die Begleitung und Führung des Menschen auf dem Weg dorthin, sein Leben selbstbestimmt führen zu können. Fröbel unterschied Erziehungswissenschaft, Erziehungslehre und Erziehungskunst. "Erziehungskunst" - heute auch der Titel einer Zeitschrift der Waldorf-Pädagogik - mutet uns besonders an. In dieser Kunst sieht Fröbel "...die freitätige (kreative - M.B.) Anwendung ..." von Erkenntnissen und Einsichten "...für unmittelbare Entwicklung und Ausbildung vernünftiger Wesen." "Die Erziehung - so Fröbel -soll und muß den Menschen zur Klarheit über sich und in sich, zum Frieden mit der Natur und zur Einigung mit Gott leiten und führen..." Dieses Ziel von Erziehung beschrieb Fröbel als "Lebenseinigung". Erziehung selbst ist für Fröbel der Weg zu diesem Ziel, nicht das Ziel selbst. Auf welchen Gleisen führt dieser Weg entlang? Hartmut von Hentig, einer der wohl bedeutendsten Pädagogen im heutigen Deutschland fordert in seinem "Sokratischen Eid" von Lehrern und Erziehern "auf seine (sprich: des Kindes) Regungen zu achten, ihm zuzuhören, es ernst zu nehmen". Nehmen wir es wahr, wenn das Innere des Kindes sich entäußert, bevor es laut oder spektakulär wird? Bleiben uns Kraft und Raum aus den Reiz- und Informationsströmen, die uns tagtäglich überfluten, wichtiges wahrzunehmen, wenn es leise - als Regung eben - daherkommt? Fröbel klagt: "...jungen Pflanzen und ... Tieren geben wir Raum und Zeit, wissend, daß sie sich dann den in ihnen... wirkenden Gesetzen gemäß schön entfalten und gut wachsen; jungen Tieren und... Pflanzen läßt man Ruhe und sucht gewaltsam eingreifende Einwirkungen auf sie zu vermeiden, wissend, daß das Gegenteil ihre reine Entfaltung und gesunde Entwicklung störe; aber der junge Mensch ist dem Menschen ein Wachsstück, ein Tonklumpen, aus dem er kneten kann, was er will." Er diskutiert hier den - so seine Worte - vorschreibend-eingreifenden Erziehungsstil und den leidend-nachgehenden. Den Weinstock zu stark zu beschneiden, kann ihn auch vernichten. Das im Keime, im Samenkorn Angelegte kann sich nicht entfalten, wird die Entwicklung von vornherein in vorgeschriebene Bahnen gelenkt. Der Gedanke der Menschenerziehung ist insofern eine Absage an eine dem sogenannten Zeitgeist verpflichtete Erziehung. Der Mensch darf nicht für eine bestimmte Zeit passend gemacht werden. Das dies Fröbel so sah, mag einer der Gründe dafür sein, warum er in vielen Teilen der Welt akzeptiert wird. Lassen wir ihn nochmals zu Worte kommen: "In der guten Erziehung, in dem echten Unterrichte, ... muß... die Notwendigkeit die Freiheit und das Gesetz die Selbstbestimmung hervorrufen, ... Da, wo der Haß den Haß gebiert, ... da, wo der Druck vernichtet, ... da, wo die Strenge und Härte die Widerspenstigkeit und Falschheit gebiert: da ist jede ... Wirkung der Erziehung, der Lehre und des Unterrichts vernichtet. Um dies zu vermeiden und jenes zu erreichen, muß alles vorschreibend Erscheinende nachgehend wirken. ... Alle wahre Erziehung und Lehre, ... der echte Erzieher und Lehrer muß in jedem Augenblicke,... in allen seinen Forderungen zugleich ... doppelseitig sein: gebend und nehmend, vereinend und zerteilend, vorschreibend und nachgehend, handelnd und duldend, bestimmend und freigebend, fest und beweglich..." und an anderer Stelle: "er muß Göttliches im Menschlichen wahrnehmen ... das Wesen des Menschen in Gott nachweisen, und beides ineinander im Leben darzustellen anstreben." Im Leben ... wie häufig hören wir doch: "Wir bereiten unsere Kinder auf das Leben vor." Was ist das für ein Leben, das wir dann meinen, zu dem unsere Kinder, wollte man diesem Satze glauben, noch nicht gehören? Nein - ist es nicht genau dieser Blickwinkel, der uns häufig den Zugang zu unseren Kindern verstellt? Ist nicht gerade die Kindheit der Lebensabschnitt, an den sich die meisten auch im hohen Alter noch am liebsten erinnern? Warum distanzieren wir uns aber scheinbar von unseren Kindern, wenn wir unser Leben von ihrem trennen? Auch hier bietet Fröbel einen Ansatz zum Weiterdenken: "Doch das Schädlichste von allem ist, daß besonders der Mann in sich nicht mehr den Säugling, das Kind, den Knaben und Jüngling, überhaupt nicht mehr die früheren Entwicklungsstufen schaut und in diesen sich nicht selbst findet und sieht, sondern... vom Kinde und Knaben und Jünglinge wie von Wesen ganz anderer Art mit ganz anderen Naturen und Anlagen redet." Glauben wir, wenn wir nicht mehr Kind sind, etwas überwunden zu haben? Was hätten wir dann überwunden? Ist das, was wir Liebe zum Kind nennen nicht auch ein Stück unseres Sich-selbst-Wiederentdeckens? Man fragte Einstein einmal, wie er zum Genie wurde. So genau wußte er es wohl nicht mehr, nur daß er als Kind immer staunte, wie der Mond am Himmel denn hielte. Und dieses Staunen habe er sich bewahrt. Manchmal entdecke ich es bei mir auch. Ich sehe aus dem fahrenden Zug und sehe Dinge, die ich schon auf vergangenen Fahrten wahrnahm, entdecke darin aber immer wieder neues. Ältere eigene Randnotizen in "meiner" Menschenerziehung lassen mich manchmal schmunzeln. Aber: in 10 Jahren schmunzele ich vielleicht über meine heutigen Notizen? Nein - nicht nur Erziehung - Mensch sein selber ist wohl ein Weg. - mit einem Anfang und einem Ende. Und der verliert sein Menschsein, der sich seinen Weg selbst abschneidet, der ihn verleugnet. Mein Zug, mein Weg, es geht weiter. Unser Weg ist Tun, ist Tätigkeit - dies ist auch der tragende Begriff Fröbelscher Pädagogik - Selbsttätigkeit insbesondere. Den Menschen denkend tätig, selbsttätig zu machen, war sein oberstes pädagogisches Ziel. Er verstand Tätigkeit mit den drei Haupttätigkeiten Spielen, Lernen und Arbeiten ganz im Sinne Luthers als Entäußerung des Göttlichen. "Gott schuf den Menschen, ein Abbild seiner selbst, ... darum soll der Mensch schaffen und wirken gleich Gott; sein Geist, der Menschen Geist, soll auf und über dem Ungeformten, Ungestalteten schweben und es bewegen,..." Fröbel sah es als erniedrigend an, daß Arbeit letztlich vor allem als dem Broterwerb dienend gesehen wurde, wo es um die Entäußerung des im Menschen liegenden Geistigen, Göttlichen ginge. Man sollte hier wohl nicht einfach schmunzelnd weiterlesen. Macht es uns denn nicht wirklich glücklicher, in der Arbeit unser Inneres zu entäußern - vielleicht sogar kreativ zu sein. Nur Broterwerb hat uns sicher nicht zum Erzieher- oder Lehrerberuf geführt. Menschen arbeiten eigentlich gern. Nachdenklich kann da Fröbels Mahnung stimmen: "Wie teilt zuerst der Knabe und das Mädchen ... so innig gern die Arbeiten des Vaters und der Mutter, nicht die spielenden und leichten, nein,... die anstrengenden, Kraft und Mühe erfordernden möchte es mit den Eltern teilen. Hier ...seid sorgsam und sinnig, ihr Eltern! ihr könnt hier mit einem Male den Tätigkeits- und Bildungstrieb eurer Kinder ... für lange vernichten, wenn ihr die Hilfe... als kindisch, als unnütz,..., ja vielleicht gar als hindernd und hemmend zurückweiset. Laßt euch durch den Drang der Geschäfte ja nicht verleiten; hütet euch ja, zu sagen: ´Geh' hinweg! du hinderst mich nur!´" Anmerkung: Stimmt er also doch, der Satz: "Faule werden nicht geboren, sondern erzogen"? Und: Arbeiten, das lernt man nicht, wenn man über Arbeit spricht. Über die zweite Haupttätigkeit, das Spiel, ist - insbesondere im Zusammenhang mit Fröbel - bereits vieles gesagt worden. Es sei "...nicht Spielerei, es hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung." Jede der drei Haupttätigkeiten Spielen, Lernen und Arbeiten ist nach Fröbel in jedem Lebensabschnitt präsent - jeweils in spezifischer Ausprägung. Hier soll nicht der Ort sein, Vergleiche verschiedener Spieltheorien anzustellen. Fröbel macht mit seinem Spielgabensystem aber sehr glaubhaft, daß er als Aufgabe des Spielens "die freitätige Darstellung des Inneren" ansah - eben das, was "der natürliche Mensch von und aus sich selbst tut." Während z.B Montessoris Lernmaterialien weitgehend didaktisch funktional sind, kann sich bei Fröbel das Innere des Kindes relativ frei entäußern. Montessoris Ansatz als Kinderärztin, Entwicklungsdefizite verwahrloster Kinder zu beheben, erforderte besondere Methoden, ist aber weitgehend ein kompensatorischer Ansatz, der in der Verbindung mit anderen pädagogischen Modellen produktiv in der Erziehung angewendet werden kann. Arbeit kann nicht ohne Spiel sein, Spiel ist jedoch mehr als bloße Vorbereitung auf spätere Arbeitstätigkeit. Wie ist aber zur Arbeit zu erziehen? "Jedes Geschäft und jedes Gewerbe, jeder Beruf des Vaters (und ich ergänze hier: auch der Mutter) reicht einen Ansatzpunkt zur Aneignung aller menschlichen Erkenntnis..." Aber bleiben wir hier einmal beim Thema Väter oder Männer und Beruf - insbesondere Erzieherberuf! Bereits Fröbel mußte erkennen, daß sich außerordentlich wenige Männer für den Erzieherberuf begeistern ließen. Die erste Kindergärtnerinnenschule der Welt in Schweina-Marienthal wurde somit zwangsläufig auch zur ersten Berufsausbildungseinrichtung für Frauen in Deutschland - ein Grund mehr, sich über die Erhaltung des Marienthaler Schlößchens Gedanken zu machen. Einigkeit besteht darüber, daß das Kind das wohl doch existierende spezifisch Weibliche und Männliche in der Erziehung - was das auch immer sei - benötigt. Um 1985 herum sprangen erstmals 2 Skispringer - der Thüringer Andre Kiesewetter und der Schwede Jan Boklöv im V-Stil von den Schanzen. Sie nahmen damals dafür noch hohe Punktabzüge und auch schwerste Stürze in Kauf. "Richtige Männer" waren und sind wohl beide. Jan Boklöv ist außerdem von Beruf - Kindergärtner! Kinder brauchen beide Geschlechter, in der institutionalisierten Erziehung wie in der Familie, die meist beständigster Lebensmittelpunkt des Kindes ist. Das Leben der Familie wird dem Kinde, so Fröbel, zum Musterleben. Das haben auch die Psychologen unseres Jahrhunderts so gesehen. Im familiären Alltag entwickelt das Kind Muster für sein eigenes Verhalten, die von sehr hoher Beständigkeit sind. Jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen davon, daß eine spätere Neigung zu gewalttätigem Handeln bei einem Kind viel weniger wahrscheinlich ist, wenn es in der Familie im Alter von 2 bis 4 Jahren Mitgefühl und Mitleidenkönnen in den Beziehungen erleben und entwickeln konnte. Heute weiß man, Gewalt wurzelt häufig in mangelndem Selbstwertgefühl. Wie entwickelt sich Selbstwertgefühl beim Kind? Zitat: "Der von Jugend auf ruhig, der stetigen Entwicklung seiner Kraft gemäß geführte Knabe wird immer nur um ein weniges seiner Kraft mehr zumuten, als er sie schon geprüft hat..." Kinder der stetigen Entwicklung ihrer Kraft gemäß zu führen, erfordert aber gerade das meiste pädagogische Geschick. Den Entwicklungsstand eines Kindes zu jeder Zeit richtig einzuschätzen und somit die Anforderungen so zu gestalten, daß sie das Kind weder über- noch unterfordern - gelingt uns das immer? In Fröbels Worten verbirgt sich aber noch mehr - nämlich daß das Kind maßgeblich an der Aufgaben- und Anforderungssuche zu beteiligen sei, da es eigene Antriebe (oder Motive) für die eigene Entwicklung besitzt - zumindest solange das Selbstvertrauen vorhanden ist. Der Erzieher- oder Lehrerberuf bringt mit sich, häufig nicht unmittelbar die Früchte der eigenen Arbeit zu sehen. Erst über einen längeren Zeitraum dokumentieren sich diese. Aber: Das Erlebnis des Erfolges eigenen Wirkens ist eine der nachhaltigsten Motivationsquellen. Auch Kinder brauchen für sich selbst sichtbaren Erfolg. Das Wachsen und Gedeihen von Pflanzen nahm aus dieser Sicht für Fröbel immer eine Schlüsselstellung ein. Er forderte - 13 Jahre bevor er in ganz anderem Zusammenhang den Namen "Kindergarten" ersann - die Einrichtung von "Kinder- und Knabengärten", in denen Kindern durch Pflege und Aufziehen von Pflanzen der Erfolg ihrer Arbeit sichtbar und deutlich werden sollte. ######### Kindheit und Jugend ändern sich, wie die Zeiten sich ändern. Was bedeutet es, heute Kind zu sein? Z.B. hat die zunehmende Tendenz zur Ein-Kind-Familie zur Folge, daß in vielen Familien keine Beziehung zwischen Kindern mehr stattfindet, in der Familie Erwachsene häufig die einzigen Partner des Kindes sind. Kinder brauchen aber die Gemeinschaft von Kindern! "Jeder Ort - so Fröbel - sollte ... einen eigenen, gemeinsamen Spielplatz haben; herrlich würden die Früchte sein, welche daraus für die ganze Gemeinschaft hervorgehen; denn die Spiele dieser Entwicklungsstufe sind, wo es nur immer möglich ist, gemeinsam, und so den Sinn und das Gefühl für das Gemeinsame, das Gesetz und die Forderungen des Gemeinsamen entwickelnd." Nicht nur der Spielplatz, auch der Kindergarten und die Schule sind solche auch und vor allem aus diesem Blickwinkel heraus sehr notwendigen Orte. Die Schule - so Fröbel - "...als eine Anstalt zur Aneignung einer größern oder geringern Menge von Mannigfaltigkeiten und darum Äußerlichkeiten macht die Schule keineswegs zur Schule, sondern einzig der geistige, lebendige Hauch und Odem, der alle Dinge belebt, in dem alle Dinge sich bewegen." In dem, was Fröbel über die Schule schreibt, gibt es eine Menge zu entdecken. Wir müssen uns auf weniges beschränken. Sehnsucht nach Kenntnissen über die Natur und über die Vorwelt (sprich: die Geschichte) treibt den Knaben - so Fröbel - bis hinab in die verfallensten Gewölbe. Menschenwerke sind es, die dem Kinde den Zugang zur Vorwelt begründen. Hier erinnere ich mich an Einstein, der sich das Staunen bewahrte. Ich bin - was vielleicht den in diese Darlegungen immer wieder eingesponnen Faden erklärt - an einer Eisenbahnstrecke aufgewachsen. Fauchende Dampflokomotiven brachten mich zum Staunen und zur Ehrfurcht vor menschlicher Leistung und Schöpferkraft. Vielleicht brauchen wir für unsere Kinder weniger Denkmäler (die toten aus Stein und Eisen liebte Fröbel ohnehin nicht), sondern mehr "Staunmäler". Fröbel verheimlicht es nicht - auch damals stellten sich Kinder ihren Erziehern nicht immer als tatendurstig und wißbegierig dar. Ich habe Lust, ihn einmal in längeren Passagen unkommentiert zu Worte kommen zu lassen. Er sah, daß uns "vieles ganz anders entgegentritt, daß Eigensinn, Trotz, Bequemlichkeit, Geistes- und Körperträg- und Faulheit, Sinnen- und Gaumendienst, Eitelkeit und Eigendünkel, Rechthaberei und Herrschsucht, Unbrüderlich- und Unkindlichkeit, Leerheit und Oberflächlichkeit, Arbeits-, ja sogar Spielscheu, Ungehorsam und Gottesvergessenheit usw. begegnet." Ursachen waren für ihn die: ... frühen fehlerhaften, unnatürlichen... Verdrehungen der ursprünglich guten menschlichen Kräfte, Anlagen und Bestrebungen durch willkürliches, gesetzloses Eingreifen in den ursprünglichen, gesetzmäßigen und notwendigen Entwicklungsgang des Menschenwesens, des Menschen." Was ist dann aber zu tun, werden Sie berechtigterweise fragen. Nach Fröbel liegt allem Fehlerhaften ... eine zerdrückte oder verrückte gute Eigenschaft, ein gutes Streben... zugrunde, und darum besteht das einzige... Mittel ... darin, sich zu bemühen, die ursprünglich gute Quelle... des menschlichen Wesens aufzusuchen und aufzufinden, ... diese dann zu nähren, zu pflegen, aufzurichten, ... so wird die Fehlerhaftigkeit endlich, wenn auch mit mühseligem Kampfe gegen die Gewohnheit, nicht gegen ursprünglich Böses im Menschen, schwinden..." Oft ist es der erziehende Mensch selbst, welcher - so Fröbel - das Kind erst schlecht macht; ... ZITAT (von 1826 natürlich): "...dies geschieht dadurch, daß man alle dem, was von Seiten des Kindes oder des Knaben entweder aus Unkunde, Unüberlegtheit oder auch wohl als Folge eines sehr scharfen Blickes für das Rechte oder Unrechte ... geschieht, immer eine böse, schlechte, wenigstens schiefe Absicht zugrunde legt. Leider gibt es auch noch solche Unglücksmenschen unter den Erziehern, sie sehen immer an den Kindern... kleine boshafte, tückische, lauernde Teufelchen, wo andere höchstens einen zu weit getriebenen Scherz oder die Wirkung einer zu sehr freigelassenen Lebenslust erblicken. Solche Unglücksvögel, besonders als Erzieher, machen den, wenn auch nicht ganz unschuldigen, doch schuldlosen Menschen und ein solches Kind erst schuldvoll..." An dieser Stelle sollten wir beginnen, Fröbels Gedanken zu den Inhalten des Lernens zu verfolgen. Seine Betrachtungen des Baumes als klarer Naturgestalt, in der sich so viele Naturgesetze und Wirkungszusammenhänge entäußern. Seine Gedanken zur Kugel und zum Würfel, die nicht nur den Mathematikunterricht sondern seine ganze Philosophie nachhaltig bestimmten. Der Mathematik und der Sprache räumte er ohnehin eine Sonderstellung ein, denn sie seien in ihrer "Doppelnatur" der Innen- und der Außenwelt angehörig, quasi die Transporter der Natur ins Bewußtsein und des Bewußtseins in die Natur und die Menschenwerke. Wissenschaften wie die Mineralogie und Kristallografie, die das Denken der damaligen Zeit beeinflußten, fanden sich auch in seinen Darlegungen zum Unterricht wieder. Er sah im Gesetz des Gleichgewichtes ein großes Naturgesetz, welches z.B. bestimmt, wieviel jedes Stoffes an welcher Stelle ein bestimmtes Tier ausmacht und wie es sich entwickeln muß. Man könnte spekulieren, daß er in die Nähe der Ahnung einer Wissenschaft geriet, welche wir heute als Genetik kennen oder fürchten, denn eigentlich stellte er die Frage nach den Erbinformationen. Für ihn erscheint die Mannigfaltigkeit der Natur als Erzeugnis einer Kraft, die sich aber erst in den mannigfaltigen Erscheinungen der Natur offenbart. Diese Einheit ruht in Gott. Fröbel offenbart eine sehr individuell geprägte Religiosität - mitunter wird er auch als Mystiker beschrieben. Sein Panentheismus, die Ansicht, das sich die Einheit Gottes in den Mannigfaltigkeiten der Natur offenbart und diese wiederum das Streben zur Einheit in Gott haben, zeigt sich u.a. recht deutlich in seinen Spielgaben. Sie stellen verschiedenartigste Teilungen der Grundform des Würfels - und damit einer Einheit - dar. Sie sind zu jederzeit - ob als Burg, Turm, Haus, Bauernhof o.a. Mannigfaltigkeit und Einheit. Um das zu verstehen, muß nach dem Spiel die Einheit wiederhergestellt - oder besser: aufgeräumt werden. Der Mensch kann zu dieser Einheit, zur Harmonie gelangen, indem er tätig ist. Hier ist plötzlich auch einer der Gründe dafür zu vermuten, warum z.B. in Japan die Zahl der Fröbel-Anhänger so groß ist. In buddhistisch geprägten fernöstlichen Kulturkreisen ist das Herstellen der absoluten Harmonie, das Eingehen ins Nirvana, Ziel allen Lebens. Fröbels Sichtweise ist einem solchen Denken möglicherweise nicht zu fremd. Vielleicht ist das aber zuviel der Spekulation. Auch Fröbel spekulierte mitunter. Neben genauer Beobachtung, intensivem Studium und genialer Ahnung mußten hier und da Lücken im System durch Spekulieren gefüllt werden. Beispielsweise wies er Sprachlauten mitunter Eigenschaften zu, die beim Vergleich mit anderen Dialekten und erst recht mit Fremdsprachen nicht haltbar sind. So solle z.B. der Vokal u mehr das Innere, das a mehr das Äußere bezeichnen. (Beispiel: rund - der Rand) Trotzdem gibt es auch hier Wichtiges zu erkennen. In der Sprache gibt der Mensch sein Denken und Fühlen zu erkennen. Mitunter kämpfen Deutschlehrer (und nicht nur sie) einen fast aussichtslosen Kampf gegen die auch (aber nicht nur) durch die Medien zu verantwortende Verwahrlosung des Sprachgefühls. Sprachgefühl dokumentiert sich u.a. in bewußter Nutzung sprachlicher Nuancen. Ich verkenne nicht, daß Superlative zur Jugendsprache gehören. Ständiger Volldampf jedoch macht den besten Kessel, die beste Lok kaputt. Aber: In Beurteilungen darf man auch nicht einfach nur gut gewesen sein. Superlative und Euphemismen wuchern - steht unsere Sprache vor dem Infarkt - oder gar ... wir? Und: Was wäre die Sprache, wenn sie keine Konjunktive hätte? Sie sind verschwunden! Nein!: Es scheint, als seien sie verschwunden. Zitat: "Wir müssen darum, wenn wir unsere Kinder zum wahren, höheren, geistigen und inneren Leben wieder erheben wollen, eilen, jenes innere Leben der Sprache, der Naturanschauung und der Empfindung wieder in ihnen zu wecken." Fröbel sagt "wieder". Beruhigend zu wissen, daß auch diese Sorgen scheinbar alle Zeit gegenwärtig sind. Auch andere Sorgen gibt es wohl immer. Fröbel beobachtete z.B., daß insbesondere "höhere Kinder", in deren Familien Körpertüchtigkeit nicht zum Alltag gehört, sich häufig recht linkisch bewegten. Er plädierte deshalb für eine Körpererziehung in Einheit mit der geistigen, denn der Körper solle dem Geiste gehorchen. Als sehr systematisch erwies sich Fröbel in seinen Darstellungen zur "Außenweltbetrachtung". Als deren wesentliche Aufgabe sah er an, die Sicht auf Zusammenhänge zu entwickeln. Er entwickelte beispielsweise Systematisierungen, die an heutige Einteilungen der Flora und Fauna in Arten, Familien und Gattungen erinnern. Unter lernpsychologischem Aspekt scheint das folgende Zitat sehr interessant zu sein, zeigt es doch Fröbels Ansicht zur Gestaltung von Lehren und Lernen: "Durch das Hinaufsteigen vom Besonderen, Einzelnen, zum Allgemeinen und Allgemeinsten und durch das Wiederherabsteigen vom Allgemeinen zum Besonderen und Besondersten, durch dieses gleichsam Wogende des Unterrichtes ... entspricht derselbe nicht allein möglichst dem Leben selbst, sondern es wird ... möglich, die Kenntnis jedes Gegenstandes für jede Stufe der geistigen Entwicklung und Fassungskraft des Schülers zu erschöpfen." Fröbels Gedanken zur Außenweltbetrachtung offenbaren ein weiteres - nämlich wie aus dem Gesamtspektrum vermittelbaren Stoffes Fächer und damit Strukturierungen entstehen. Solche Strukturierungen sind notwendig, Lernen braucht das Ordnen. Sie sind mitunter aber auch gefährlich, weil der Blick auf das Ganze, auf die Zusammenhänge abhanden kommen kann. Ein Schlüssel gegen die Gefahren scheint das fächerübergreifende Arbeiten zu sein - übrigens ein fester Bestandteil der Vorläufigen Thüringer Lehrpläne. Außenweltbetrachtung ist mit ihrem Anspruch meines Erachtens einerseits so umfassend, daß sie fächerübergreifend ist, andererseits auch die Systematik für Fächerbildungen liefert. Sie erfaßte nicht nur die Erscheinungen der Natur, sondern auch das Funktionieren der Gemeinschaft. Besuche von Werkstätten und in der Landwirtschaft gehörten dazu, genauso wie die Betrachtung der Familie in ihrer Rolle in der und für die Gemeinschaft sowie für das einzelne Individuum. Vergessen wir vor lauter "Außenwelt" aber die "Innenwelt" nicht! Zitat: "Aber nicht allein Natur und Leben spricht zu dem Menschen, sondern auch der Mensch möchte gern aussprechen die Ahnungen und Empfindungen, die dadurch in ihm geweckt werden, ... Auch das Verhältnis des Menschen zum Menschen ist weder ein so äußerliches, wie einige wähnen, noch ein so leicht in seiner Innerlichkeit mitteilbares, wie andere glauben; ...; das mittelbar Anregende z B. im Spiegel des Liedchens, ohne moralisierende Nutzanwendung, gibt dem Gemüte und Willen des Knaben die innere Freiheit, welche für dessen Entwicklung und Erstarkung so notwendig ist..." Wie wichtig Musik und Kunst in unserem Leben sind - besser hätte ich es nicht sagen können. Sie sind im besten Sinne des Wortes ein "Lebensmittel". Menschenerziehung ist ohne sie nicht denkbar. Um unsere Beziehung zur Welt vielgestaltiger zu machen, brauchen wir sie. Singend entäußert das Kind sein Befinden. Aus den - so Herder - Stimmen der Völker in Liedern erfahren wir vieles über scheinbar fremde Menschen, weil das Fühlen zum Denken tritt. Wer wollte verleugnen, daß das irische, das russische, das deutsche Volkslied jeweils ihren eigenen Reiz, ihre eigene Schönheit haben. Egal, wie man bspw. zur Kelly-Family steht - sie bringen mit ihrem Repertoire jungen Menschen auch irische Folklore näher - leider auch nicht mehr in ihrer Ursprünglichkeit. Egal, wie man zu Henry Maske oder gar zum Boxsport steht - aber hätten ohne ihn so viele junge Menschen Conquest of Paradise von Vangelis hören wollen oder sich gar für den darin reflektierten Aspekt der Geschichte interessiert? Die Reihe ließe sich fortsetzen. Ein wahres Mozart-Fieber brach vor einigen Jahren mit dem Film "Amadeus" aus. Wer den pädagogischen Alltag zu bewältigen hat, könnte da häufig neidisch werden. Klassische Musik wird für Jugendliche plötzlich attraktiv, wenn sie mit Bildern gekonnt verbunden Werbebotschaften transportiert. Am Wiedererkennen läge es, sagen die Einen, am "multimedialen" Ansprechen verschiedener Sinne - sagen die Anderen. Fest steht: Ein Mensch, dessen Sinne durch Musik und Kunst geübt und gestärkt sind, gewinnt nicht nur an Gefühl, er gewinnt insgesamt an Persönlichkeit. In diesen Gedanken versunken höre ich Bremsen quietschen. Mein Zug steht vor einem roten Signal, der Bahnhof Eisenach ist in Sicht. Ein rotes Signal - ist das ein Zeichen an mich? Ganz habe ich die Fahrt durch die 170jährige "Menschenerziehung" nicht geschafft. Da kommt mir in den Sinn: Vor 169 Jahren, 1827 trieb in Schweina die erste Dampfmaschine Thüringens Spinnereimaschinen an. Zwei Jahre später scheiterten Fröbels Pläne von einer Volkserziehungsanstalt in Helba bei Meiningen an einer Hofintrige. Dabei hatte der Meininger Herzog sogar seinen Sohn - den späteren "Theaterherzog" Georg II. Fröbel zum Zöglinge geben wollen. Die Keilhauer Erfahrungen wären neben den Betrachtungen der "Menschenerziehung" Grundlage einer Schule geworden, die wohl in die Schulgeschichte eingegangen wäre. Wäre, hätte, ja gäbe es Kleingeist, Niedertracht und Neid nicht! Bleibt der Trost, daß Petersens Jenaplan vieles von dem von Fröbel Angedachten verwirklichen konnte. Fröbel war es nun in Deutschland zu eng geworden, er geht 1830 in die Schweiz. Noch wären in Deutschland alle paar Kilometer Schranken der Eisenbahn im Wege gewesen - wie paradox aus heutiger Sicht. Die Konsequenz: 1834 gründet man in Deutschland den Zollverein und am 6. Dezember 1835 fährt von Nürnberg nach Fürth der erste deutsche Eisenbahnzug. Die rasenden Geschwindigkeiten werden die Menschen und das weidende Vieh krank machen - Punkt Punkt Punkt. Nachdem Fröbel, beginnend 1836 im Waisenhause Burgdorf seine Ausrichtung auf die Vorschulerziehung verstärkt hatte, begann er nach seiner Rückkehr nach Deutschland 1836/37 mit der Herstellung von Spielmaterial. Nach Gründung des Allgemeinen Deutschen Kindergartens 1840 führte er Vortragsreisen zur Propagierung der Kindergartenidee durch. Dabei begriff er eines: Sollte sich diese Idee durchsetzen, mußten geeignete Personen im größeren Stile ausgebildet werden. Auf einer seiner Vortragsreisen kam er durch Liebenstein. "Ich habe nun den Ort gefunden zur Verwirklichung der letzten Konsequenz meines Grundgedankens." ... Soll er gesagt haben. Er kam 1849 nach Bad Liebenstein. Der Herzog von Sachsen-Meiningen stellte ihm das Marienthaler Schlößchen zur Verfügung, wo 1850 die erste Kindergärtnerinnenschule der Welt und damit die erste Berufsschule für Frauen in Deutschland entstand. Einen Liebensteiner Kurgast erreichte die Kunde von "einem alten Narren, der täglich auf einer Wiese mit Kindern umherspringe". Einmal - am 4. August 1850 - hatte er das mit einem Kinder- und Spielfest auf dem Altenstein ganz und gar öffentlich getan und hinterher sogar in Veröffentlichungen darüber berichtet. Der Kurgast - der berühmte Pädagoge F.A.W. Diesterweg - begab sich nach Marienthal und die beiden alten Männer wurden Freunde. 1851 ereilte Fröbel die Nachricht vom preußischen Kindergartenverbot. Seine Schülerinnen und Diesterweg standen ihm bei. Man organisierte Pädagogenversammlungen. Anfang Juni 1852 nahm er an einer Lehrerversammlung in Gotha teil. Als er den Saal betrat, wurde er mit - so sagt man heute - "standing ovations" begrüßt. Es soll die Bahnfahrt von Gotha nach Wutha gewesen sein, die ihm danach den Infekt bescherte, von dem er sich nie wieder erholen sollte. Am 21. Juni 1852 vollendete sich sein Leben. Dabei hatte er nach Amerika gehen wollen - in Deutschland belächelte man ihn ja als "alten Narren". Was würden wir heute sagen, würde ein 70jähriger singend mit Kindern durch die Straßen ziehen? Das Kindergartenverbot hatte ihn wohl zu schwer an seiner Substanz getroffen, seine Schülerinnen und vor allem Diesterweg mögen ihn zum Bleiben bewogen haben. Darum ist sein Grab nicht irgendwo in Amerika. Die Entwicklung ging weiter, bald gab es andere Fortschrittsindikatoren - Fliegerei, Raumfahrt, Computertechnik. Auch mit letzterer war es ein langer Weg. Vom Abacus über die Pascalsche Rechenmaschine, den ersten Relais-Computer des vor kurzem erst in Hünfeld begrabenen Konrad Zuse bis hin zu ... warum fällt mir ausgerechnet Bill Gates ein? Auch Fröbelsche Pädagogik stand in den Wettern der Zeiten. In der Weimarer Republik gab es eine Fröbel-Renaissance. Und hätte man die BAUHAUS-Architekten nicht aus Thüringen vertrieben, gäbe es heute in Bad Liebenstein ein Fröbelhaus als Mekka für alle Fröbel - Anhänger. Wäre, hätte, ja gäbe es Kleingeist, Niedertracht und Neid nicht! Nun - es gibt ja noch das Marienthaler Schlößchen. Was damals geplant war, wäre dort heute machbar, wären die Kassen nicht leer. Vieles wäre zu sagen über den Mißbrauch Fröbels im NS-Staat. Ich denke auch an meist nur kampagnenhafte Ehrungen Fröbels in der DDR und an die Nöte derer, die nicht nur Kampagnen wollten. Was machen wir heute aus und mit Fröbel? Viele kennen Montessori, Petersen, Steiner - aber Fröbel - zumindest über die Kreise der Vorschulerziehung hinaus - muß neu vermittelt werden. Warum?- lassen wir Georgens - Pädagoge und Zeitgenosse Fröbels - sprechen. Er sagte auf der 1851 u.a. von Fröbel in Bad Liebenstein organisierten Lehrerversammlung: "Fröbelsche Erziehung ist Friedenserziehung. Unsere Zeit dringt zur Einigung, weil sich überall Zwiespalt zeigt. Eisenbahnen und andere Kulturmittel sagen uns, die Erziehung muß zur Einheit und zum Frieden führen." So könnte man auch die heutige Zeit beschreiben. Auch heute werden wieder Bahnen -Datenautobahnen- gezogen - nicht nur durch Deutschland. Kommunikation - z.B. via INTERNET - überwindet Grenzen heute in noch viel weitgreifenderem Maße, als es damals die Eisenbahn tat. Die damit verbundenen Veränderungen werden tiefgehend sein. Sie sind zum Teil noch gar nicht absehbar. Eines ist aber klar: Erziehung und Bildung werden erheblich davon betroffen sein, wir werden Orientierungen brauchen. Fröbel kann ein wichtiger Orientierungspunkt sein. Wieder finden sich Befürworter und Gegner, aber auch die Entwicklung der angeblich krank machenden Eisenbahn hat sich nicht erheblich um wissenschaftliche- bzw. Stammtischdiskussionen gekümmert. Es wäre vielleicht doch (?) besser, beizeiten den Zug zu erwischen. Mein Zug bekommt Einfahrt, ein paar Kilometer noch mit dem Auto bis nach Schweina. Ich bin zu Hause und ein Stück weiter auf meinem ... WEG. |
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