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G. Wächter |
B. Modl / B. Ziegler |
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Dr.Chr.E.Langethal |
Dr. M. Brodbeck |
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Dr. A. Lutz/ K.- H. Grevel |
W. Anschütz/B. Modl |
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S. Kettritz |
P. Wainar |
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Kollegium der Schule |
Dr. M. Brodbeck |
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Prof Dr. sc. P. Mitzenheim |
Schüler des Gymnasiums Rudolstadt |
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A. Bathke |
A. Hübener |
Zum Anliegen der Herausgabe der "Neuen Keilhauer Blätter" ![]()
Immer wieder werden wir von unseren Besuchern gefragt, was denn das Besondere an unserer Schule sei, wie wir dem Erbe Fröbels heute gerecht werden.
Diese Fragestellung hat uns dann zur Ausarbeitung der Konzeption zum Schulversuch "Menschenerziehung mit Fröbel" gebracht. Dieser Schulversuch muß jährlich ausgewertet werden, und dies wollen wir in den neuen "Keilhauer Blättern" tun, einer Broschüre, die über viele Jahre in Keilhau erarbeitet und vom Bund ehemaliger Keilhauer herausgegeben worden ist. In einer neuen Zeitära wollen wir jährlich die "Neuen Keilhauer Blätter" publizieren und damit einen Beitrag zur Fröbelpädagogik leisten, gleichzeitig aber auch dem hohen Anspruchsniveau der pädagogischen Einrichtung in Keilhau gerecht werden.
Es geht uns um eine intensive Zusammenarbeit mit den pädagogisch - psychologischen Zentren im Land Thüringen und darüber hinaus. Wir wollen Fort‑ und Weiterbildungen mitgestalten und Fröbel als Schulmann ein lebendiges Denkmal am Ort seiner Allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt setzen.
In die Erarbeitung der Schrift werden Schüler der Gymnasien Rudolstadt und Bad Blankenburg im Rahmen von Projektarbeiten einbezogen.
Die vielfältigen Kontakte in alle Welt werden veröffentlicht. Die Mitglieder des Freundeskreises "Ehemalige Keilhauer" haben Gelegenheit, über ihre Schulzeit zu erzählen. Sind es doch die letzten Augenzeugen einer Schule in früherer Zeit, die dem Schulort Keilhau treu verbunden sind. In der ersten Ausgabe wird Vergangenes recherchiert, werden Zugänge zu Fröbels Methoden erläutert und Schulgeschichte einer prädestinierten pädagogischen Einrichtung weitergeschrieben. In der folgenden Ausgabe soll der geplante Schulversuch dokumentiert werden.
Dies ist unser Beitrag zur Schulentwicklung Thüringens.
Keilhau 1994 Gabriele Wächter; Schulleiterin
Keilhau - ein Ort pädagogischer Erneuerung ![]()
Birgit Modl
Mit der Gründung der Allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt in jenem denkwürdigen Jahr 1817 begann Fröbel seine pädagogischen Ideen von der Erziehung freier, denkender, selbsttätiger Menschen zu verwirklichen. In den folgenden Jahren bildete und erzog der Thüringer Pädagoge, gemeinsam mit seinen Mitstreitern Wilhelm Middendorff, Heinrich Langethal und Johannes Arnold Barop, Schulkinder aus allen Schichten der Bevölkerung. Friedrich Fröbel suchte den unmittelbaren Kontakt zu seinen Zöglingen. Kennzeichnend für die Methodik der Unterrichtsführung war der Weg vom Einfachen zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten, von der Anschauung zum Begriff. Die Bildung und Erziehung vollzog sich dabei immer in Einheit von charakterlicher Ausprägung, Aneignung theoretischen Wissens und vielfältigster Formen praktischer und manueller Tätigkeiten. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse flossen in sein Hauptwerk "Die Menschenerziehung" ein, welches in Keilhau entstand und 1826 herausgegeben wurde.
Die Gleichbehandlung von armen und begüterten Zöglingen, das freundschaftliche, auch
äußerlich demonstrierte Miteinander von Lehrern und Schülern standen im Gegensatz zur staatlich verordneten Ideologie. Die Anstalt wurde von der preußischen Regierung als Demagogennest verschrien. Die Folge war der Abgang von immer mehr Zöglingen, vor allem aus adligen Kreisen, so daß 1829 nur noch fünf Kinder der Anstalt angehörten. Mutlos verließ Fröbel 1831 Keilhau und suchte als neue Wirkungstätte die Schweiz auf
1836 kehrte Friedrich Fröbel mit seinen in der Schweiz geborenen Gedanken zur Vorschulerziehung nach Thüringen zurück und beginnt Ende August 1837 mit praktischer Vorschularbeit. Für seine Einrichtung "Anstalt zur Pflege des Beschäftigungstriebes der Kindheit und Jugend" findet er 1840 den Begriff "Kindergarten", der weltweit seinen Siegeszug antritt.
Damit kam er der Verwirklichung seines großen Ideals, einer durchgängigen, zielgerichteten Erziehung und Bildung vom Kleinkindalter bis hin zur Hochschulreife bzw. Berufsausbildung näher. Die freie Entfaltung und die Achtung der Menschenwürde entsprachen dem Ansinnen des Thüringer Pädagogen.
Erinnerungen des ältesten Zöglings der Anstalt
Dr. Christian Eduard Langethal
Professor der landwirtschaftlichen Wissenschaften an der Universität in Jena
1. Kapitel Griesheim. Fröbel und Middendorff.
An einem sonnigen Maientage des Jahres 1817 trat Middendorff in mein elterliches Haus, um mich als neuen Zögling in die Erziehungs Anstalt zu begleiten, die Fröbel in Griesheim bei Stadt = Ilm zu errichten gedachte. Middendorff war ein in voller Jugendfrische blühender Mann von 23 Jahren, dessen heiteres Wesen von einem kindlichen Gemüte Zeugnis gab. Auf seinem Angesichte lag die Reinheit des Herzens, und ein schwärmerischer Blick erhöhte das Interesse an seiner Erscheinung. Alle, mit weichen er in Berührung kam, fühlten sich zu ihm hingezogen, und deshalb wurde er auch in meinem elterlichen Hause, das er schon früher einmal betreten hatte, als lieber Gast mit großen Freuden begrüßt. Unsre Vorbereitungen zur kleinen Reise waren in kurzem beendigt. Bei schönem Maiwetter zogen wir aus, und der 14. Mai 1817 war der merkwürdige Tag, an welchem Fröbels junge Anstalt den zweiten Lehrer und den ersten fremden Zögling erhielt.
Griesheim ist ein ziemlich ansehnliches Dorf, welches, von Obstbäumen umgeben, dicht an der Ihn liegt. Von einer leichten Anhöhe sieht das Schlößchen und die Kirche auf das Dorf herab, und rings umher breiten sich im flachen Ihnthale baumleere Getreidefelder aus. Den Blick nach Süden hemmt der laubige Wülinger Berg- nach Nordosten erhebt sich der steil ansteigende Singerberg und thalabwärts ragen, in einstündiger Ferne, die beiden hohen Türme der Stadt = Ilmer Kirche über die kleinen Saatenhügel hervor. Im untersten Hause dieses Dorfes fanden wir Fröbel, der mit seinen beiden Osteröder Neffen das freundliche Stockwerk eines Hauses bewohnte, welches einer Försterswitwe gehörte. Die drei Söhne der Griesheimer Pfarrerswitwe lebten noch bei der Mutter und kamen nur zum Unterricht und zum Spiele zum Onkel, weil der Raum zu
beschränkt war. Mit diesen fünf Kindern hatte ich bald Bekanntschaft gemacht und Freundschaft geschlossen. Mir, einem Stadtkinde, in der schönsten Jahreszeit plötzlich aus dem Häusermeere in die freie Natur versetzt, war alles neu. Aufmerksam hörte ich die Belehrungen meiner Kameraden über Obstbäume, Sträucher und Blumen an, wofür ich Erzählungen von Festung, Kanonen und Soldaten zum besten gab, und der Wechsel der Dinge gefiel mir sehr. Besonders wurden mir die beiden Kinder von Osterode befreundet, mit welchen ich im Hause der Försterswitwe wohnte; vorzüglich mit dem älteren, namens Ferdinand, spielte und disputierte ich immer am meisten.
Mich umgab in Griesheim eine ganz neue Welt; denn nicht allein die äußere Umgebung der Natur, sondern auch das Gepräge und das Wesen der Menschen waren von meinen früheren Verhältnissen sehr abweichend. Die äußere Erscheinung Fröbels und seiner Kinder trug den Stempel der damaligen Turnerschaft Jahns: Lehrer und Schüler gingen in leinenen Kleidern mit bloßem Halse und hatten lange Haare. Ihre Wohnung war ebenso einfach wie ihre Kost, Entbehrung und Abhärtung galten als Losung. Das alles machte auf mich schon einen bedeutenden Eindruck; mehr aber noch wurde ich von der Art überrascht, welche Fröbel im Umgang und Unterricht mit seinen Schülern befolgte. Meine früheren Lehrer in der lateinischen Predigerschule zu Erfurt beobachteten hierin ein ganz anderes System. Ich lasse dabei natürlich einige gemeine Naturen unter ihnen, die ihr Benehmen gegen die Schüler nur nach den Geschenken einrichteten, die sie von deren Eltern empfingen, ganz außer Betracht; ich rede also nur von jenen Biedermännern, die mit Gewissenhaftigkeit und Unparteilichkeit ihren mühevollen Beruf erfüllten und die von uns Kindern hochverehrt, aber zugleich auch sehr gefürchtet wurden, was von ihnen bezweckt zu werden schien. Furcht war das Scepter, mit welchem der Rektor regierte, und Furcht erfüllte die Schüler, sobald des Kantors gewaltige Stimme erklang. Um den Strafen zu entgehen, suchte man sie auf andere Schüler zu wälzen, und dadurch zeigte sich überall Lüge und Angeberei in ihrer häßlichsten Gestalt. Ganz anders war es im Kreise der Fröbelschen Kinder, wie man uns nannte; denn ich, der einzige Nichtfröbel, ging als Zu = und Beilage mit in den kauf Hier führte Vertrauen und Liebe das Regiment. Unsre Lehrer wurden im Spiele unsere Kameraden und gingen im Unterricht uns wohlwollend zur Hand. Dafür genossen sie auch unsre unbedingte Ergebenheit, und die Lüge nahte nie unserm Kreise. Um die Innigkeit des Verkehrs zwischen Lehrern und Schülern noch mehr zu steigern, führte Fröbel die gegenseitige Anrede mit "Du" ein, was dem Geiste der damaligen Turnerschaft völlig entsprach. Die Liebe der Kinder zu Fröbel stieg in dem Grade, daß die Söhne seiner Schwägerin in Griesheim an ihm fast mehr noch als an ihrer Mutter hingen, und dieses Ergebnis seiner Erziehungsart schien ihn mit großer Genugthuung zu erfüllen. Der frische Geist der jungen Anstalt war es auch gewesen, welcher Fröbel um Weihnachten 1816 den fünften Neffen zugeführt hatte; denn als Fröbel im November nach Griesheim kam, war Julius, der älteste Sohn seines verstorbenen Bruders, noch auf dem Gymnasium in Rudolstadt, und nur die beiden jüngeren Söhne wurden damals seine Schüler. Das Weihnachtsfest brachte Julius jedoch bei der Mutter und dem Onkel zu, und während der Ferienzeit wurde er so mächtig von dem Geiste der Anstalt ergriffen, daß er nicht eher mit Bitten abließ, als bis man auch ihm den Eintritt in die Anstalt erlaubte. Ich selbst bewegte mich in der meinem Wesen ungleich mehr ansprechenden Umgebung von Menschen viel freier als früher und mit kräftigerem Schwunge des Geistes. Dabei übte die freie Natur und das Spiel nach Jahns Vorschrift einen sehr wohlthätigen Einfluß auf meinen schwächlichen Körper aus, der sichtlich erstarkte. Die Brüderlichkeit unter uns Kindern ersetzte das elterliche Haus, und auf das frühere Schulleben sah ich weder mit Groll noch mit Abscheu zurück; denn ich hatte Lehrer und Schule förmlich vergessen.
Um das alles begreiflich zu finden, muß man erwägen, daß Fröbel und Middendorff, als thätige Teilnehmer an der Erhebung der deutschen Nation, den frischen, belebenden Geist in sich aufgenommen hatten, der damals einen großen Teil der Menschen durchdrang. Der Ernst des Lebens war ihnen reichlich zu teil geworden; mit höherer Weihe kehrten sie aus dem Kampfe zurück, die eine tiefe Religiosität heiligte. Der Gedanke, dem Vaterlande auch ferner bei Entbehrung und Entsagung ihre Kräfte zu weihen, war in ihnen zum festen Entschlusse geworden, doch Abwege, auf welche damals so manche junge Männer gerieten, lagen ihnen fern. - Nur der Jugend, der jungen Generation ihres Vaterlandes, galt ihr Wirken, diese wollten sie in harmonischer Ausbildung des Körpers und Geistes erziehen. Auf diese Jugend übte nun jener reine, vaterländische Geist einen mächtigen Einfluß aus. Wenn man sich dabei nun der großen Gewalt erinnert, die Fröbel, sobald er nur wollte, auf alle Menschen, besonders aber auf Kinder ausüben konnte, so wird man natürlich finden, daß ein Kind, in diesen Kreis plötzlich versetzt, seine ganze Vergangenheit vergessen konnte.
Fröbel faßte zu jener Zeit, wo er frei von Sorgen war, die ihn später von allen Seiten umlagerten, das Leben mit ganzer Jugendkraft auf Noch blickte er auf die Zukunft mit großen Hoffnungen hin, noch zauberte ihm seine Phantasie ein heiteres Bild zukünftiger Jahre vor, und uns ist ja bekannt, daß keiner wie er prachtvolle Luftschlösser bis zur schwindelnden Höhe zu bauen verstand. Deshalb gerade hat man Fröbel später sehr getadelt oder verlacht, und keins von beiden hat er verdient. Er war von einer felsenfesten Zuversicht auf die Anerkennung seiner Zeitgenossen beseelt, die in dem unbegrenzten Vertrauen auf die edeln Gesinnungen seiner Mitwelt wurzelten. Er konnte sich gar nicht denken, daß sein reines, uneigennütziges Streben unbemerkt bleiben oder verkannt werden könnte, und deshalb baute er auch mit Sicherheit auf die Anerkennung seiner Grundsätze oder der "Idee", wie er sagte. Wer also den Ursprung seiner mit großer Zuversicht ausgesprochenen Verkündigungen nicht kannte, den mußten sie allerdings frappieren. Als Beispiel davon will ich nur den großartigen Namen "Allgemeine deutsche Erziehungs = Anstalt" anführen, den er seinem Institut bald nachher gab. Man würde sich aber täuschen, wenn man glauben wollte, daß Frohe] damals sich mit uns Kindern fortwährend beschäftigt hätte; nein, dazu hatte er weder Geduld noch Ruhe genug, und das, was man gemütlich nennt, ging ihm ganz ab. Sobald er jedoch zu uns Kindern kam, warf er neue Gedanken hin, die wir jubelnd erfaßten. Ihre Verwirklichung überließ er uns selbst, wir hatten dazu freie Hand; denn Middendorff, welcher bei uns blieb, sollte nur die Ordnung erhalten. War die Aufgabe gelöst, dann kam Fröbel wieder herbei, sah alles durch, lobte oder tadelte, ergötzte sich an der Originalität der individuellen Auffassung, gab neue Gedanken und lief wieder davon. Man sieht, es war wesentlich darauf abgesehen, unsre Produktionskraft zu wecken und zu entwickeln, und dadurch unterschied sich seine ganze Unterrichtsweise von andern Schulen damaliger Zeit, die auf Kosten der Produktivität nur das Gedächtnis in Anspruch nahmen.
Fröbel ging aber jedenfalls hierin zu weit; denn seine Kinder wurden nicht in dem Grade mit positiven Kenntnissen bereichert, wie es wünschenswert war, und hätte nicht später sein Berliner Freund Langethal einigen Einhalt gethan, so würde er bis in das äußerste Extrem fortgeschritten sein. Die Sache erklärt sich einfach genug , denn sie entspricht dem Gange menschlicher Dinge. Sobald man nämlich Mangelhaftes entdeckt, gerät man bei seiner Beseitigung gemeinlich in das andere Extrem, und es müssen nun Jahre vergehen, bevor man durch neue Erfahrungen die rechte Mitte erkennt. Uebrigens hat diese extreme Richtung Fröbels fähigen Kindern nur vorübergehenden Nachteil gebracht, weil es ungleich leichter ist, versäumte positive Kenntnisse nachzuholen, als da die Produktivität zu erwecken, wo der Geist durch allzu großen Gedächtniskram erdrückt worden ist. Für weniger begabte Kinder wurde freilich diese Methode nachteiliger und um so mehr, je weniger bei ihnen zu erwecken war.
Rühmenswert aber war das Streben nach allseitiger Ausbildung des Kindes: Verstand und Phantasie sollten zu Erfindungen angeregt werden, Kopf und Herz gleichmäßige Nahrung empfangen, Körper und Geist zu harmonischer Ausbildung kommen. Dabei wurde die verflachende Philanthropie, welche Basedow früher in das Erziehungswesen eingeführt hatte, durch einen nervenerquickenden Patriotismus verscheucht. Doch nochmals erwähne ich, daß dieser vaterländische Geist im Frobelschen Kreise in völliger Reinheit wehte, durch keinerlei Art von Abwegen getrübt. Verhältnisse des Staates gingen unsere Erzieher nichts an; sie hatten es nur mit den Großthaten der Ahnen und der Helden des Freiheitskrieges zu thun, die wir auch allzumal kennen lernten.
Middendorffs Rolle war in Griesheim noch völlig passiv. Er nahm selbst erst bei Fröbel noch Unterricht, um sich seine Methode anzueignen, die im wesentlichen zwar von Pestalozzi entlehnt, aber ureigentümlich verarbeitet worden war. Deshalb gab er damals für uns Kinder mehr einen Freund und Führer als einen Lehrer ab. Er leitete unsre Spaziergänge, suchte, wie es ihm Fröbel angegeben hatte, in unsre Ideen einzugehen, gab ihnen auch hin und wieder eine anmutigere Gestalt; doch Neues brachte er nicht. Dagegen wirkte er vorteilhaft auf unsre Phantasie, denn er besaß, was Froher fehlte, und war, statt des schneidenden Verstandes, mit Poesie begabt. Dazu hatte sein Umgang viel Angenehmes; denn Middendorff war eine gemütliche Natur, dessen mildes und freundliches Wesen ungemein ansprach. Ganz besonders ergötzten ihn Volkssagen, und ich erinnere mich noch lebhaft, wie Julius ihm die Sage der Entstehung von Griesheim und Hammersfeld erzählte, die er mit großer Freude vernahm. Zwei Riesen kämpften gegeneinander. Der eine derselben schleuderte vom hohen Singerberge einen großen Felsen herab, der aber nur bis auf den Gries an der Ilm gelangte, auf welchem das Dorf Griesheim erstand. Nun warf der andere der Riesen vom Willingerberge einen gewaltigen Hammer nach ihm, der auf den Acker fiel, den jetzt das Dorf Hammersfeld bedeckt. Thüringen ist ja überhaupt ein sagenreiches Land, und es giebt wohl kaum einen Ort, dessen Ursprung nicht in Sagen gehüllt wäre; die Geister der Ahnen schweben hier über dem ganzen Lande. Auch auf uns Kinder verfehlte diese Erzählung ihren Eindruck nicht: die weite Umgebung Griesheims lag nun im poetischen Dufte; wir bestiegen die Berge der Riesen und brachten von beiden schöne Blumen für unsere Gärtchen mit.
Unsere Gärtchen lagen im Baumgarten der Hauswirtin, den eine Hecke weißblühender Syringen umgab. Hier war unsere Schöpfung. Unbekümmert um die Zukunft wurden hier Türkenbund-und Maiblumenkeime, Orchideenknollen und die Wurzeln der prachtvoll blühenden Centaurea montana gepflanzt. Dabei sangen wir mit unseren klaren Kinderstimmen:
"Nun bringen wir Rechen und Spaten herbei,
Um Blumen zu pflanzen zum künftigen Mai" nicht ahnend, daß der nahe Juni schon uns von unseren Blumen auf immer trennen sollte. So ist das Treiben der Kinderwelt: nur in und für die Gegenwart leben sie, diese beuten sie völlig aus, und darin eben besteht ihr Glück. Uns wurde die Gegenwart nicht unnötig getrübt, deshalb schwelgten wir in unserem Kinderglücke.
Auf diese Weise verging der Mai und der größte Teil des Juni. Wer mag es tadeln, daß diese Tage kindlicher Freude und Lust, die mir nach lästigem Schulzwange in Griesheim aufgegangen waren, mein kindliches Gemüt auf so wunderbare Weise belebten, daß ich von jetzt an alles Schöne mit dem Namen Griesheim verband? Zwar wurde Keilhau schon manchmal genannt, ja Fröbel hatte uns sogar schon einmal mit nach Keilhau geführt; doch wollte ich von diesem kleinen Dorfe im engen Thale nichts wissen, und wenn es hieß: wir ziehen nun bald nach Keilhau hin! so dachte ich: "bald ist nicht jetzt" und war noch viel zu sehr Kind, um mir durch die Zukunft die angenehme Gegenwart verbittern zu lassen.
Indessen kam dennoch der Tag unserer Auswanderung unvermerkt heran, nämlich des Auszugs aller Bewohner des Försterhauses, denn die drei Kinder der Pfarrerswitwe, die von uns "die Fröbelskinder" schlechthin genannt wurden, blieben noch bei der Mutter zurück, deren Gnadenjahr noch nicht abgelaufen war. Es war ein sehr heißer Nachmittag kurz vor Johannis, der unsere kleine Kolonie in die baumlose Teuwe wandern sah. Fröbel ging, den Rock auf dem Anne, mit rüstigen Schritten voran, Middendorff folgte, und wir drei Kinder bildeten den Schluß. Traurig sah ich auf das freundliche Schlößchen nach Griesheim zurück und mit trüben Blicken in die kahle Ebene hinein, die vor mir lag. Vergebens forderte mich Ferdinand durch seine Behauptung, daß Keilhau tausendmal schöner als Griesheim sei, zu Gegenbeweisen auf, denn er fand an mir, sonst einem Erzstreitkopfe, heute einen sehr schwachen Gegner, indem ich mit Wehmut an mein verlorenes Griesheim zurückdachte. Auch war der beschwerliche Weg in den Tagesstunden der drückenden Hitze nicht eben geeignet, meinen Trübsinn zu mildem.
Warum wir gerade in der stärksten Sonnenglut den weiten Weg durch die schattenlosen Flächen der Teuwe und des Schönen Feldes durchzogen, erfuhr ich erst später. Es gehörte nämlich mit zu den Eigentümlichkeiten Fröbels, alle zu verrichtenden Geschäfte, die nicht Unterricht und Erziehung betrafen, ja selbst auch die dringendsten, bis auf die letzte Minute zu verschieben. Lange vorher hatte er den Tag der Abreise bestimmt, noch abends zuvor den Ausmarsch in den Frühstunden des Morgens angesagt, aber gleichwohl keine Vorbereitungen getroffen, nicht einmal für den Wagen zum Transport des Gepäcks gesorgt. Erst am Morgen wurde eingepackt und nach dem Wagen geschickt; doch alle Geschirre des Dorfes waren schon längst mit Arbeit beschäftigt. So verging uns Kindern unter langweiligem Warten die Morgenzeit, es kam der Mittag heran, und endlich, um 3 Uhr nachmittags, ging es zum Dorfe hinaus in die Sonnenhitze hinein. Wir fanden nicht früher Schatten, als bis uns die Fichtenwälder von Keilhau die Abendsonne verbargen es dämmerte schon, als wir das kleine Dörfchen erreichten, und meine neue Heimat kam mir recht unbehaglich vor: es war ja Wer alles so einsam, so wüst und verfallen!
Georg und Ernst Luther in Keilhau ![]()
Matthias Brodbeck
Auf einer Reise nach Berlin im Jahre 1817 erfuhr Friedrich Fröbel, daß man Luther zum 300. Jubiläum der Reformation ein Denkmal von Eisen setzen wollte. Dieser Gedanke gefiel ihm nicht, und er faßte nach seiner Rückfahrt den Gedanken eines "lebendigen Denkmals". (vgl. König, H. 1983)
Fröbel hatte Kenntnis davon erhalten, daß in dem Ort, aus dem die Vorfahren Luthers stammten, in Möhra im heutigen Kreis Bad Salzungen, Nachfahren der Familie Luther in tiefster Armut als Tagelöhner ihr Dasein fristen mußten. Zwei von ihnen holte er nach Keilhau. Es handelte sich um Georg und Johann Ernst Luther, damals 18 und knapp 13 Jahre alt.
Fröbel selbst äußerte dazu, es könne ". . . der letzte Zweck doch nur sein . . . sie e in einen Zustand zu versetzen, der es ihnen möglich machte, ihren Nachkommen diejenige Bildung zu geben, durch weiche es nachmals den geistig begabteren leicht würde, sich fortzubilden und aus den engen, ärmlichen Grenzen des Hirten - und Tagelöhnerlebens herauszustreben. " ( Fröbel, F. 1817)
In seinen Erinnerungen an die Keilhauer Zeit beschreibt Dr. Chr. Ed. Langethal die Ankunft der beiden Luthers in Keilhau.
"Als nun das Frühjahr 1819 kam, Walen eines Tages, als wir eben bei 'Hainolds' Singestunde hatten, zwei Bauernbursche herein, in Begleitung von Fröbel, der eine Reise gemacht hatte.
Sie befanden sich in ihrem größten Staate, trugen blaue Jacken, kurze, gelblederne Beinkleider, graue Strümpfe mit roten Zwickeln, Lederschuhe mit Schnallen, und auf ihrem Kopfe saß eine weiße, rotgestreifte Zipfelmütze, deren baumwollener Quast an einer Seite ganz gemütlich herabhing. Sie waren aus Möhra bei Salzungen, wo ihr Vater die Rinderherde hütete. Der älteste 18 Jahre alt, nannte sich Hanjörge, der jüngere, fast 13 Jahre alt, sprach seinen Namen Hanaarnst aus. Beide hatten eine sehr gurgelnde Aussprache, die in dem dortigen Bauerndeutsch geführt wurde, weiches aber so abweichend von unserem Deutsch war, daß wir sie nicht verstehen konnten Wir erfuhren, daß sie die Nachkommen eines Bruders des Dr. Luther seien, die man genommen habe, weil die Nachkommen von Dr. Luther bereits ausgestorben waren Der jüngere hatte bisher noch die Schule besucht, mochte aber wenig hineingekommen sein, weil er blos buchstabieren konnte. Der altere aber war weit geschickter als sein Bruder, konnte stockend lesen und auch seinen werten Namen schreiben; leider stand aber der Mund ihm offen Das waren nun die beiden lebendigen Denkmäler des großen Luther, und wir wurden von ihnen wenig erbaut.
Das ganze Unternehmen war eigentlich von Fröbel sehr gewagt,- der Eindruck, den der älteste dieser Burschen machte, hatte so wenig Empfehlendes gehabt, daß man ihn schon von Eisenach, wo er sich früher gemeldet hatte, mit der Bedeutung wieder heimschicken mußte, daß er zu alt für eine bessere Ausbildung sei. Aber die Sache machte sich dennoch, und gerade beim älteren von dem man am wenigsten erwartete, hatten die Bemühungen der drei Freunde einen recht guten Erfolg. Ernst, der jüngere Luther, mit manchen Untugenden behaftet und von störrigem Charakter, machte den Lehrern viel Not; zumal er dabei noch sehr trage war und wenig Sinn für die Wissenschaft zeigte. Dem ungeachtet brachte man ihn doch so weit, daß er seine Unarten ablegte und in Kenntnissen wenigstens so viel erwarb, um sich der Architektur widmen zu können Georg, der altere Luther, war dagegen ein guter, gemütlicher Mensch. Die Natur hatte ihn zwar weder mit einem glücklichen Gedächtnisse, noch auch mit einer leichten Fassungsgabe beschenkt,aber er setzte dagegen unermütlichen Fleiß und eiserne Willenskraft ein. Ein Pfarrer, wie sein großer Ahnherr wollte er werden, und dahin ging sein Ziel,- aber das zu erlangen fehlte sehr viel Er mußte erst nachholen, was Kinder lernen, und alle mechanischen Arbeiten, besonders das Schreiben, wurden seinen verknöcherten Händen sauer genug. Der schleppende Gang der Fröbel'schen Lehrmethode war für diesen Georg wie gemacht, weil die geringe Beweglichkeit seines Geistes durch ihn erstarkte. Freilich durfte matt nicht erwarten, daß ein junger Mensch, der erst im 18. Jahre Lesen, Schreiben, Rechnen und die Kenntnisse erwerben muß, die ein Sextaner hat, schon nach sechs Jahren ein fertiger Primaner %ein kann; denn wer erst im 18. Jahre die Sexta bezieht, kann im 24. Jahre bei sehr mäßigen Talenten kein vollendeter Primaner sein. Die Tübinger Professoren schienen aber hierin andere Meinung zu haben, denn als Georg Luther 1825 die dortige Universität bezog und allerdings noch kein Maturus genannt werden konnte, schoben sie auf Keilhau die Schuld, die, nach meiner Meinung, bloß in den Umständen lag. Uebrigens wird Georg Luther gewiß das Fehlende später bald nachgeholt haben, da er sein Studium mit unermüdlichem Fleiße betrieb. Sein Ziel, ein tüchtiger Pfarrer züi werden, hat er erreicht, und daß er es aus einer so liefen Stufe durch große Arbeit und Mühen errang, gereicht ihm gerade züm doppelten Ruhme. "
Die Dokumente über die beiden Luthers aus der Keilhauer Zeit sind nicht allzu zahlreich. In Möhra ist als Dokument aus jener Zeit ein Brief zu finden, den Fröbel am 11. Mai 18 18 an den dortigen Pfarrer Arnold schrieb und in dem er sich lobend über die Entwicklungsfortschritte von Georg und Ernst äußert sowie das große Interesse hervorhebt, welches der "Verein für ein lebendiges Denkmal Dr. M. Luthers" gefunden hat.
Über Georg Luther berichtet Christian Zeh, der in Zusammenhang mit den nach dem Treffen der deutschen Burschenschaften 1817 auf der Wartburg einsetzenden "Demagogenverfolgungen" in fürstlicher Mission die Keilhauer Anstalt zu überwachen hatte: "Zöglinge waren bei meinem letzten Besuche 50, von denen Georg Luther auf die 1 Universität abgegangen ist, um Theologie züi studieren. " (Bericht über ... 1825, S. 779)
Ernst blieb bis 1825 in der Keilhauer Anstalt und hielt seinem Lehrer bis zu dessen Tode die Treue, Aus Dankbarkeit fertigte er den von Middendorff entworfenen ersten Grabstein Fröbels, der die Spielgaben Kugel, Walze und Würfel symbolisiert. Dieser Stein steht heute unweit des Marienthaler Schlößchens, dem Ort, an dem Frobel 1850 die erste Kindergärtnerinnenschule der Welt gegründet hatte und wo sich am 21. Juni 1852 sein Leben vollendete.
Erinnerungen ehemaliger Keilhauer Schüler
Das Keilhauer "Hup"
Jeden Tag um die Mittagszeit wurden die Schüler durch einen lauten dunklen Sirenenton zum Mittagessen gerufen. Wenn wir im Sommer auf der Veranda des Gutshofes zu Mittag aßen, prasselten nach dem Ertönen des "Huup" die Füße zahlreicher Schüler auf den schmalen Wegen den Kirschberg hinunter, wodurch die Wege immer über Gebühr in Mitleidenschaft gezogen wurden. Dieses vertraute "Hup" klingt mir noch heute in den Ohren und erinnert mich an die Keilhauer Zeit.
Dr. Anneliese Lutz
Budenzauber
Jeder Schüler, der in das Fröbel - Landschulheim Keilhau eintrat, mußte sich innerhalb von 14 Tagen für eine der zahlreichen "Budengemeinschaften" entscheiden. Zu jeder Bude auf dem Kirschberg gehörte ein Stück Gelände. Bude und das dazugehörige Gelände mußten von der Budengemeinschaft in Ordnung gehalten werden. Dazu gehörte auch das Streichen der Holzbuden mit Farbe oder mit Carbolineurn, damit das Holz nicht verfaulen konnte und gegen Insektenbefall geschützt war. Zwischen den zahlreichen Wegen im Wald wurden fachgerecht Treppen aus Holzbalken angebracht und teilweise wurde der Vorhof vor den Buden mit Zement befestigt. In den Buden befand sich unter dem Fußboden ein Hohlraum, der durch eine Falltür abgesichert wurde. In dem Hohlraum lagerten wir vor Beginn der Ferien den Hausrat und andere Gegenstände, die in der Bude gebraucht wurden, damit sie vor Zerstörung oder Diebstahl sicher waren, denn es kam immer wieder vor, daß in den Ferien eingebrochen wurde. Wie oft aber haben wir uns abends aus dem Haus geschlichen und "Budenabende" gefeiert, bei welcher Gelegenheit "Freßpakete" von zu Hause, Alkohol und Zigaretten verkonsumiert wurden. Leider wurde mancher "Budenzauber" auch vorzeitig beendet. wenn wir zu laut waren oder sonstwie ein diensthabender Lehrer uns entdeckte. Manchmal luden wir auch Mädchen aus dem Dorf dazu ein. Mehr oder weniger hatte jeder der älteren Schüler "seine" Flamme unter den Dorfschönen.
Karl-Hermann Grevel
Für die Zusendung dieser Episoden aus der Zeit, als die Keilhauer Einrichtung Landerziehungsheim war (bis 1939), bedanken wir uns beim Freundeskreis "Ehemalige Keilhauer" recht herzlich.
Ein ebenso herzliches Dankeschön an Herrn Juan Kemp, der uns ein Video schickte, das er von einem Schmalfilm umkopierte. Es zeigt einen Tagesablauf in Keilhau vor rund 60 Jahren. Dieses Video ist eine Bereicherung für unsere Keilhauer Schulchronik.
Die Redaktion
Die Staatliche Förderschule für Sprachbehinderte Keilhau nutzt die Erkenntnisse Fröbels
Wolfgang Anschütz / Birgit Modl
Der Name des Thüringer Pädagogen Friedrich Fröbel wird vor allem mit dem Spiel und dem Kindergarten verbunden, wohlgleich stellt seine Arbeit als Lehrer für den Umgang mit unseren behinderten Kindern einen unentbehrlichen Quell dar, woraus wir täglich schöpfen.
Wir wollen versuchen aufzuzeigen, wie in Keilhau mit Fröbels Gedankengut zur Förderung unserer Kinder Einfluß genommen wird. Dabei sollen zunächst nur zwei Aspekte - die Schulung der Feimnotorik und der Umgang mit Farben - beleuchtet werden
"So ganz in sich getrennt, verschieden nun auch Form und Farbe sein mögen, so sind sie doch dem jungen Knaben ein ebenso Ungeteiltes, Ungetrenntes wie Leib, wie Körper und Leben; ja die Auffassung der Farben scheint dem Knaben wie vielleicht dem Menschen überhaupt durch die Form zu kommen sowie umgekehrt die Formen durch die Farben mehr hervor und naher treten. Also die A Auffassung der Farben muß sich zuerst an die Auffassung der Form sowie die A Auffassung der Form an die Farbe knüpfen; Farbe und Form anfangs eine ungeteilte Einheit. "
( Fröbel, "Die Menschenerziehung", S. 200)
Fröbels Erkenntnisse bezogen sich vorwiegend auf die Beobachtung des Verhaltens der Kinder. Eine exakte wissenschaftliche Begründung dafür konnte erst viel später gegeben werden. "Die Entwicklung der Wahrnehmungsfunktion des optischen Analysators beginnt beim generalisierten, diffusen Erfassen von Situationen oder gegenseitigen Gesamteindrücken, schreitet fort zur analytischen Wahrnehmungshaltung ( im frühen Schulkindalter - W.A.) und geht schließlich zur kategorialen Wahrnehmungshaltung über."
(Clauss/ Hiebsch, Kinderpsychologie, S. 99) Fröbel empfiehlt nun folgende Vorgehensweise zur Wahrnehmungsschulung: "Da nun Form und Farbe den Knaben zuerst noch als ein ungeteiltes Ganzes erscheinen, sich aber gegenseitig heben, zur Erkenntnis und Einsicht bringen, so ist bei der Bestrebung den Farbsinn durch Unterricht und Lehre in dem Menschen durch Anschauung und Selbstdarstellung auszubilden, ein Dreifaches zu beobachten: einmal daß die Formen einfach und bestimmt sind, dem ganz genügend, was sie bezeichnen und darstellen sollen; dann daß die Farben möglichst rein und entschieden klar sind, und den Farben, die es sein sollen denen des Gegenstandes, besonders des Naturgegenstandes möglichst annähernd entsprechen: endlich, daß die Farben in ihren Verhältnissen zueinander, wie die Natur wirklich zeigt, in ihren sich entgegengesetzt bedingten, gleichsam trennenden oder ihren zusammenfließenden Einigungen aufgefaßt werden. "
( Fr. Fröbel, ebenda, S. 200)
Das optische Differenzierungsvermögen der Kinder entwickelt sich im Alter von 5-15 Jahren besonders intensiv. So erweitert sich das Gesichtsfeld bei 5- bis 10 jährigen von 100 auf 230 Grad, außerdem ist eine Zunahme der Sehschärfe zu verzeichnen. Kleine Details werden erkannt und beschrieben, und die Silhouetten der Gegenstände werden klarer gesehen. Im Alter von 7 bis 15 Jahren stellt sich ein besonderes Tiefensehen ein. Kinder im Vorschulalter differenzieren oft noch gar nicht bei einem Baum z.B. das Astwerk oder vielleicht auch Früchte.
Sie fassen die Form ganzheitlich auf Ähnlich verläuft das Erkennen von und Hantieren mit Farben. Man kann bis ins jüngere Schulalter hinein beobachten, daß die reinen Farben Rot, Blau, Grün, Gelb usw. verwandt werden. Dabei ist die Farbe wirklich an einen konkreten Gegenstand gebunden.
Auf dem Weg zur begrifflichen Abstraktion empfiehlt Fröbel: "Wie die Farben selbst ihren Eindruck nach möglichst bestimmt aufgefaßt werden müssen, so müssen sie auch gleichmäßig immer möglichst bestimmt an das Wort geknüpft, durch das Wort bezeichnet werden;
einmal die reine Farbe an sich, als rot, grün usw-, dann ihrer inneren Starke nach: dunkel, hoch, hell usw.; dann die einzelnen Farben ihrer Arten oder Mischungen nach; hier findet eine doppelte Verschiedenheit statt, einmal Vergleichung der Farben mit Gegenständen; die in Bestimmung und Benennung der Farbenarten durch die Gegenstände, an welchen sie sich am haufigsten finden, z B -nrot, schwefelgelb, himmelblau; oder durch Vergleichung der Farben unter sich: blaurot, grüngelb, oder annähernd grünlichgelb, bläulichrot. " (Fr.Fröbel, ebenda, S. 201) Fröbel weist im Anschluß an dieses Zitat noch darauf hin, daß dem Kind anfangs nicht zu kleine Flächen zum Bemalen gegeben werden sollen:"... z.B.Blätter, große Blumen, Schmetterlingsflügel auch wohl Vogel vierfüßige Tiere und Fische haben zu unbestimmt Farben; doch wird das Suchen und Streben ... die Schuler um so mehr auf die Farben der Naturgegenstände in der Wirklichkeit selbst aufmerksam machen, worauf man sie durchihre eigenen Fragen: Wie soll ich den Stamm dieses Baumes, diese Blume usw malen? selbst hinführen kann." (Fr. Fröbel, ebenda, S.201)
Je öfter die Farben mit dem Wort verbunden werden, um so mehr löst sich die Farbe von der Form und wird zum abstrakten Begriff. Die Farbe wird zur Kategorie. Fröbel dazu: "Je selbständiger nun die Auffassung der Farbe und von dem Gegenstand unabhängiger wird, um so mehr stelle man die Farbe nun ihrer selbst willen, aber noch in gestaltenden, darstellenden Formen dar Wird die Farbe nun ganz selbständig die Form gleichsam ganz abgestreift habend angeschaut, so tritt auch die Form in dem Unterrichte zurück und die Farbe tritt nun ihrer selbst willen auf.
(Fr. Fröbel, ebenda, S. 201)
Für den Unterricht schlagt Fröbel vor, die Farben des Spätherbstes zu nutzen. "Es werden Blätter gewählt, denn die schonen bunten, roten, gelben, braunen usw Baume und die schonen farbigen Blätter, weiche sich in den schonen Herbsttagen mit leisem Geräusche von den Zweigen losten und wie ein bunter Teppich den Boden um die Baume her bedeckten, haben gar zu sehr zu den Knaben gesprochen und gern haben sie sich dieselben in Strauße und Kranze gewunden nach Hause gebracht. " (Fr. Fröbel, ebenda, S. 202)
Weiter unten schreibt er über die Beschaffenheit der Farben und den materiellen Bedarf und kommt zu methodischen Hinweisen: " * .. daß es jedoch hier noch nicht so darauf ankommen kann, den Blättern die streng entsprechenden, sondern nur die möglichst annähernden Farben zu geben, bedarf gewiß kaum der Erwähnung, in dem es hier nicht um die Darstellung des Gegenstandes, als um Auffassung der Farben und Behandlung des Farbstoffes zu tun ist Gleichmäßiges Auftragen der Farben, Grenzehalten usw. ist das Wesentlichste, was jetzt noch zu beachten ist. Richtige Haltung des Körpers zu freier Bewegung des Armes, wie der Hand und der Finger versteht sich von selbst. "
" Man gehe nicht schneller von einer Farbe zur anderen über, als bis der Schüler seinen Stoff etwas beherrsche, weil jeder Farbstoff seine etwas eigentümliche Behandlung hat.
(Fr. Fröbel, ebenda, S. 203)
Fröbel rät, von Blättern zu Blumen mit einblättrigen Blumenkronen" überzugehen: "z.B. blaue Glocken, gelbe Primeln, gelbe Narzissen usw., ebenso werden einfache Blumen fur gefüllte gewählt, sowie die Blumen in voller Vorderansicht oder ganzer Seitenansicht gemalt. Von einfarbigen Blumen und Gegenständen gehe man zu zweifarbigen über, aber immer mit bestimmt getrennten Farben... weiter zu dreifarbigen. "(Fr. Fröbel, ebenda, S. 203)
Immer wieder betont er "die möglichst scharfe Auffassung der Farben, die möglichst reine Darstellung derselben und die möglichst bestimmte Bezeichnung derselben durchs Wort... " ' (Fr. Fröbel, ebenda, S. 203)
Nachdem sich die Farbe nun verselbständigt hat, soll sie nun in sogenannten "Netzgevierten" (das sind Zeichenblätter mit einem Netzwerk, ähnlich den Rechenblättern) dargestellt werden. Es kommt Fröbel auf einen gleichmäßigen Farbauftrag an, eine Übung zur Sauberkeits-, Ordnungs- und Ausdauerschulung. Dabei soll dem Schüler auch die Empfindung für das Eigentümliche der Farbe bewußt gemacht werden. Der Knabe bzw. das Kind bevorzugt zu Beginn die Farben Rot und Grün so seine Beobachtung. Es folgen danach in Übungen Farbkombinationen. Wobei immer wieder auf die Übereinstimmung mit der Natur verwiesen wird. Den Abschluß der Farbübungen auf der Entwicklungsstufe des Knabenalters bildet die Vierfarbenkombination und führt zu einer weiteren Entwicklung des Farbsinns und der Farbauffassung, mit dem Ziel: " ' .. er macht wie der Gesang die Gesinnung und überhaupt des Menschen edler, belebt den Sinn für Auffassung der Farbe in der Natur, erhoht so den Sinn fur Natur und das Leben in derselben Das weitere Eingreifen in den anderen Unterricht, sowie in das äußere Leben tritt dem klär entgegen, dessen innerem Sinne die Forderung von beiden vor Augen liegt. " (Fr. Fröbel, ebenda, S.205)
Das oben dargestellte Fröbelsche Konzept bildet an der heutigen Staatlichen Förderschule für Sprachbehinderte Keilhau seit mehreren Jahrzehnten die Grundlage für die Wahrnehmungsschulung des optischen Sinns, aber auch, wie im folgenden beschrieben wird, der Sensomotorik überhaupt.
Bei den Kindern unserer Einrichtung ist durch die Sprachbehinderung die Kommunikation mit anderen Personen gestört, wodurch eine Beeinträchtigung der intellektuellen Leistungssowie der Durchsetzungsfähigkeit einhergehen. Das Kind lebt unter psychischer Dauerspannung, die sich hemmend auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Die Umwelt bringt meist nicht die nötige Aufmerksamkeit, Ruhe und Geduld auf, die sprachbehinderte Kinder für ihre Rehabilitation benötigen. Deshalb ist es oberster Grundsatz unserer Erziehung, eine positive Grundstimmung durch liebevolle Zuwendung zu jedem einzelnen Kind herzustellen.
Da nicht nur die Sprache, sondern auch alle anderen Äußer-ungsbereiche beeinträchtigt sind, gilt es, allumfassend auf die Kinder einzuwirken. Bei dieser anspruchsvollen Aufgabe nutzen wir, besonders seit dem Jahre 1965, die theoretischen und praktischen Fröbelschen Ideen, Arbeiten und Ergebnisse in unserer täglichen Arbeit. Ausgehend von den Spielgaben verfahren wir nach dem Fröbelschen Vorbild, um die Retardierungen in der Feinmotorik zu verringern. Eine Ursache dafür finden wir immer wieder in den Muskelverspannungen, die besonders bei Stotterem auftreten. Ein weiterer Grund ist die nicht altersgerechte Entwicklung der Sensomotorik, wodurch Schwierigkeiten im Ausführen alltäglicher Aufgaben zu beobachten sind, besonders aber im Schulbereich; die Schulanfänger können den Stift nicht richtig in der Hand halten, die Zeilen nicht beachten und das Schreibtempo kann man als stark verlangsamt klassifizieren.
Mit solchen Kindern arbeiten wir u.a. nach Fröbels elfter Spielgabe, dem Ausstechen. Der Erzieher fertigt zunächst einfache Vorzeichnungen auf quadratischem weißen Papier an, das auf einer Unterlage liegt. Die Übungen bestehen zuerst im Durchstechen senkrechter, dann waagerechter und zum Schluß schiefer Linien. Das Kind durchsticht die Linien in bestimmten Zwischenräumen und immer gleichmäßig fortschreitend. (vgl. L- Morgenstern, Das Paradies der Kindheit, S. 222)
Später erfolgt das Nachstechen gezeichneter Bilder in der Art, daß Umrisse, Schattierungen und Füllungen nachgestochen werden. Die Gegenstände sollten der Natur entstammen und während des Ausstechens vom Erzieher Geschichten über Umwelt und Geschichte erzählt werden. Bei dieser Beschäftigung, so auch beim Ausnähen, werden nicht nur die Handmuskeln gekräftigt und die Augen geschult, sondern es bildet sich der Ordnungssinn heraus und man kann und sollte dem Kind damit selbst ein Bild seiner Fortschritte geben. Durch genaues und richtiges Sehen wird gelernt, jeden Punkt zu beachten, das Kind übt sich in Geduld und Willenskraft. (vgl. L.Morgenstern, ebenda, S. 223)
Ausstech- und Ausnähübungen führte Fröbel mit Kindern ab fünf Jahren durch. Wir üben diese Techniken mit Kindern der ersten Klassen, aber auch mit älteren Schulkindem.
Henriette Goldschmidt, eine Fröbelschülerin, berichtet in ihrem Buch Was ich von Fröbel lernte und lehrte", daß die Finger Gelegenheit hätten, geschickt zu werden, das Auge, unterstützt durch den Tastsinn, würde an deutliches, klares Sehen gewöhnt und nicht zuletzt die Aneignung von Geduld und Ausdauer von größter Wichtigkeit für die Entwicklung von Vorschulkindern sei. Ebenso erhielt das Kind einen Blick für Formenschönheit und die Phantasie würde angeregt. (vgl. H. Goldschmidt, Was ich von Fröbel lernte und lehrte, S. 174)
Fröbel selbst machte die Erfahrung und schreibt, daß die Beschäftigungen nach seinen Spielgaben allzu mutwillige und lebhafte Kinder zu geduldigen und aufmerksamen werden läßt. (vgl. L. Morgenstem, Das Paradies der Kindheit, S. 229) Genau dieses Prinzip sollte für die Arbeit mit sprachbehinderten Kindern gelten, deshalb spielt die Förderung und Entwicklung der Feinmotorik im Rehabilitationsprozeß eine wichtige Rolle. Schon Friedrich Fröbel beschreibt in seiner achten Spielgabe, dem Stäbchenlegen, wie durch das freie Legen von Gegenständen aus dem Leben der vergleichende Blick geübt wird, Umrisse der Dinge genau ins Auge zu fassen (Auge-Hand-Koordination), um sie auch genau wiederzugeben, wodurch gleichzeitig das Gedächtnis- und Vorstellungsvermögen aktiviert werden.
Diese Übungen und Spiele machen derjenigen Kindern Freude, die schon die Fähigkeiten besitzen, darüber nachzudenken, sich ausdauernd und sinnig damit zu beschäftigen.Also: das Kind dort weiterführen, wo es steht; das Kind weder zu unter- noch zu überfordern.
Wir meinen, daß hier eine deutliche Linie zwischen Fröbels Arbeiten in Keilhau und Bad Blankenburg und unseren heutigen Bemühungen, um sprachbehinderte Kinder in Keilhau besteht.
Da die Entwicklung der feinmotorischen Fähigkeiten und sensomotorischen Koordination durch geistige Fähigkeiten und vor allem auch durch Leistungsmotive gefördert werden, ist es wichtig, daß bei dem Kind eine positive Einstellung zu den feinmotorischen Fähigkeiten entwickelt wird und bei jeder Gelegenheit Erfolgserlebnisse aufgezeigt werden.
Das Flechten, die dreizehnte Spielgabe, das als Grundlage des Webens betrachtet und somit als älteste Kulturarbeit, die man bei allen Völkern der Erde findet, gesehen werden kann, findet in unserer Schule vor allem bei Kindern des ersten und zweiten Schuljahres großen Widerhall. Bei diesen Handfertigkeiten werden gleichzeitig
Farbensinn und das Gefühl für verschiedene Werkstoffe (Papier, Wachstuch, Stroh, Leder, Bast) ausgebildet, wobei Fröbel Erkenntnis- , Schönheits- und Lebensformen vertreten wissen will. Da das Flechten nur mittelbar auf die geistige Entwicklung wirkt, werden Berichte über das Flechten (Herkunft) durch den Erzieher gegeben und auch moralisch Einfluß genommen, wenn in diesem Zusammenhang z.B. über die Seidenraupe gesprochen wird.
Während der Ausbildung feinmotorischer Fähigkeiten lernt das Kind den Gebrauch verschiedener Werkzeuge und wie einzelne Teile zu etwas Schönem, Passendem, Zusammengehörigem verbunden werden können. Mut und Freude begleiten die Beschäftigungen, so daß Müßiggang und Langeweile nicht aufkommen.
Der erfinderische und schöpferische Trieb führt zur Beherrschung der Stoffe und Werkzeuge, und wo ein Talent schlummert, findet es Gelegenheit, sich zu regen; Selbständigkeit wird gefördert. Hinzu kommen bei o. g. Betätigungen, daß das Kind den Umgang mit Zahlen (Spielgaben 3 - 6), Formen (Spielgaben 1 - 6) und Farben lemt sowie durch die Sprache oder Gesang über das Ohr auf das Gemüt und den Verstand eingewirkt werden kann.
Noch heute arbeiten wir nach dem Fröbelschen Grundsatz: "Nichts soll beziehungslos sein."
Nach geduldiger, liebe- und hinwendungsvoller Arbeit mit dem Kind sind wir uns dessen bewußt, daß jedes Geschöpf entwicklungsfähig ist und Frobels Feststellung: "Macht das Kind heute durch Fleiß und ein wenig Anstrengung einen Fortschritt, so bekommt es Mut, sich morgen etwas mehr anzustrengen. " - läßt uns Kraft für unsere Arbeit schöpfen. (vgl. E. Heerwarth, Der Zweck und das Ziel der Fröbelschen Gaben, S. 10)
Zur therapeutischen Arbeit mit den Fröbeltechniken ![]()
Sonja Kettritz
Die Kinder der Fröbelschule in Keilhau werden schon zeitig mit den Fröbeltechniken vertraut gemacht. So erlernen sie das Falten des Fröbelsterns, und des Würfels sowie die Prickeltechnik und die Fadengrafik. Um das Interesse an diesen Arbeiten zu wecken, wurden Muster in reichlicher Anzahl im Gruppenbereich gut sichtbar angebracht und so gleichzeitig das Internat unserer Schule attraktiv ausgestaltet. Die Schönheit der verschiedenen Gestaltungsarten kommt hierdurch zum Ausdruck und animiert zur Tätigkeit.
Die Kinder unserer oberen Klassenstufen (4-6) zeigen besonderes Interesse an der Fadengrafik und am Prickeln. Aber auch die jüngeren Kinder werden bereits durch das Erlernen einfacher Formen (z.B. Stickbilder) an die spätere Gestaltung anspruchsvollerer Motive in diesen Techniken herangeführt. Zahlreiche Glückwunschkarten zum Geburtstag, Weihnachtsfest und als Geschenke für Besucher sowie Kalenderblätter und Bilder für das Gruppenzimmer entstanden durch viel Fleiß und Geschick.
Das Falten des Fröbelsterns lockt besonders die geschicktesten Kinder zum Nachahmen. Mit Hilfe einer methodischen Reihe sowie ständiger Anleitung und Übung gelingt dieser Stern den Schülern bald selbständig. Hinsichtlich der Größe und farblichen Kombination sind vielfältige individuelle Möglichkeiten gegeben. Der Fröbelstern wird häufig zur weihnachtlichen Ausgestaltung der Gruppenzimmer verwendet.
Die jüngeren Schulkinder beschäftigen sich vorwiegend mit dem Falten und Stecken des Würfels. Durch seine vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten in Größe und Farbe weckt er das Interesse der Kinder. Der Würfel als Bestandteil der Fröbelschen Spielgaben regt die Kinder entsprechend seines Verwendungszweckes besonders zum Turmbauen an. Er dient auch mehrfach als Schmuck in den Wohnbereichen.
Diese Tätigkeiten im Fröbelschen Sinne tragen wesentlich zur Entwicklung der Feinmotorik bei. Aber auch andere wertvolle Eigenschaften wie Phantasie, ästhetisches Empfinden, gewissenhafte saubere Arbeitsweise, Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer werden positiv beeinflußt. Darüber hinaus fördern sie die Fähigkeit zum genauen Beobachten, zum angeleiteten und selbständigen Vollzug mehrerer Handlungsschritte und nehmen Einfluß auf das räumliche Vorstellungsvermögen der Kinder. Im Vordergrund steht dabei stets die Freude am Gestalten und am sichtbaren Ergebnis.
Da das Interesse an den genannten Fröbeltechniken auch an anderen Schulen bestand, gestalteten die pädagogischen Fachkräfte und Lehrer unserer Einrichtung im vergangenen Schuljahr in Bad Blankenburg eine entsprechende Fortbildung, die auf große Resonanz stieß.
Die von den Fröbelschen Techniken ausgehende Faszination sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene läßt sich weniger mit Worten beschreiben als vielmehr durch die Wirkung der Gestaltungsmotive selbst.
Diagnose ? Förderklasse als neues Angebot an unserer Einrichtung ![]()
Petra Wainar
Mit Beginn des Schuljahres 1993/94 gibt es für Schulanfänger, die voraussichtlich schwer lernen werden, die Möglichkeit, den Lehrplanstoff der 1. und 2. Klasse in drei Schuljahren zu erfüllen. Es sind Kinder, die aufgrund von körperlichen, psychischen und psychosozial bedingten Teilleistungsstörungen und Entwicklungsverzögerungen nicht in eine 1. Klasse der Grundschule aufgenommen werden können.
Teilleistungsstörungen dürfen dabei nicht verstanden werden als Störungen einzelner Teilfunktionen, die isoliert gesehen und behandelt werden könnten, sondern werden verstanden als Einschränkungen bei der Verarbeitung aufgenommener Eindrücke und Reize. So wie der Name "Diagnose - Förderklasse" schon sagt, wird ausgehend von einer Basisdiagnostik der Förderbedarf jedes einzelnen Schülers festgestellt. Es findet also eine diagnosegeleitete individuelle Förderung statt.
In den ersten Monaten des 1. Schuljahres liegen die Schwerpunkte bei der Entwicklung von altersgerechten Fertigkeiten und Fähigkeiten in allen Wahmehmungsbereichen, der Motorik und der Sozio -Emotionalität.
Basale Stimulation im Bereich des taktil - kinästhetisch - vestibulären Wahrnehmungskomplexes ist unter zwei Gesichtspunkten bedeutsam. Sie vermag die Nachreifungsprozesse im Zentralen Nervensystem anzuregen und so die sensorische Integration zu fördern (neurophysiologischer Aspekt) und bildet die Voraussetzung für den Aufbau der Raum- und Formwahrnehrnung (neuropsychologischer Aspekt).
Ein wesentliches Kennzeichen des Unterrichtes in der Diagnose-Förderklasse ist das Lernen durch Bewegung. Bewegung wird zum integrativen Bestandteil des gesamten Unterrichtes. Beim ungezwungenen kindlichen Spiel bestimmt die Bewegung Erleben und Verhalten. Dieser natürliche Bewegungsdrang, nicht das Lernverhalten des Erwachsenen, weist den Weg zur Entwicklung kindgemäßer Lernbedingungen.
Neben Phasen, in denen die Klasse angesprochen wird, tritt Gruppenoder auch Einzelarbeit. Das Kind kann das Lernen lernen, also mit dem Lehrer die Bedingungen finden, unter denen es sich am erfolgreichsten Wissen, Können und Werte aneignen kann. In Freiarbeitsphasen unterzieht sich das Kind selbstgewählten Aufgaben. Es fordert Hilfe ein, wenn es diese braucht. Es erlebt, daß konzentriertes Arbeiten Freude macht.
Zur Schaffung von günstigen Rahmenbedingungen gehört eine optimale Raumgestaltung. So teilt sich unser Unterrichtsraum in drei Teilbereiche auf Bauteppich und Spieltisch, Stuhlkreis sowie frontal angeordnete Tische im Tafelbereich.
Der Unterrichtstag beginnt immer im Morgenkreis. Es wird gesungen, die Kinder haben die Möglichkeit, Vortageserlebnisse zu erzählen und Probleme loszuwerden. In meist spielerischer Form mit sehr vielfältigen Unterrichtsmaterialien, die teilweise mit den Kindern gemeinsam hergestellt werden, wird an der Erreichung der individuellen Förderziele gearbeitet. Lernphasen stehen im Wechsel mit Entspannungsphasen.
Nicht nur bei der Schaffung der grundlegenden Fähigkeiten und Fertigkeiten, sondern auch beim Rechnen-, Schreiben- und Lesenlernen wird die Gesamtpersönlichkeit einbezogen. Zum Beispiel wird nach dem Leselehrgang "Lesenlernen mit Hand und Fuß" das Lesen nach dem Konzept des mehrdimensionalen Lemens im handlungsorientierten Stationsverfahren durchgeführt. Handelnd erschließen sich die Kinder neue Lerngegenstände, mit denen sie sich dann an verschiedenen Stationen (Tasten, Sehen, Hören, Stempeln, Spielen, Bauen, Gleichgewicht, Gemeinschaft, Lesen) im Raum mehrdimensional und selbständig auseinandersetzen.
In einer Diagnose - Förderklasse sind alle unterrichtlichen Vorhaben so zu planen, daß das Kind in seiner Ganzheit angesprochen wird. Nur so kann die sonder- pädagogische Arbeit die Aufgabe erfüllen, dem Schüler bei seiner Entwicklung zu helfen. Er soll Wissen und Können über die Dingewelt erwerben und ein gesundes Verhältnis zur Natur entwickeln. Er soll seine Individualität ausformen, d.h., sich selbst mit seinen Stärken und Schwächen annehmen und bejahen und fahig sein, in einer Gemeinschaft zu leben.
Vorstellung der Konzeption eines Schulversuches ![]()
Kollegium der Staatlichen Forderschule Keilhau
Was ist eine Fröbelschule?
* Der Bildungsauftrag ist auf den einzelnen Schüler gerichtet. Es gilt, dem Kind als Individuum, gemäß seiner Individuallage und seiner Fähigkeiten, die bestmögliche Bildung zu geben. Jedes Kind braucht Lernförderung, das Schwächere ebenso wie das Begabte.
In der Fröbelschule Keilhau wird in Teamarbeit der Lehrer, Sonderpädagogischen Fachkräfte, Erzieher sowie des technischen Personals die Erziehungsarbeit im Sinne der Begabten- sowie Benachteiligtenförderung gestaltet. Die Eltern werden in Förderprogramme eingebunden. Es ist eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus erforderlich
* Die Internatsschule in Keilhau betreut die Kinder über die Ganztagsschule hinaus und ist besonders auf die musisch - ästhetische Entwicklung unter Beachtung der besonderen Neigungen und Interessen bedacht. Die Kinder werden jederzeit von speziell ausgebildeten Pädagogen betreut.
* Jeder Pädagoge in Keilhau ist zuerst Erzieher, um auf dieser Grundlage den Bildungsprozeß zu gestalten.
Das Erziehungsziel ist wie bei Fröbel, heute aktueller denn je, freie, denkende und handelnde Menschen zu erziehen. Die Individualität wird im Vordergrund gesehen und das Kind, wie im Vergleich der Lilie bei Fröbel, behutsam gelenkt und geleitet. Die bestmögliche Bildung für jeden einzelnen wird nach seinen persönlichen Gegebenheiten erreicht.
* Wir wollen unsere Schüler darauf vorbereiten, daß sie trotz ihrer Behinderung am sozialen Leben teilnehmen können, auch wenn es nicht ein Leben lang in einem relativ geschützten Lebensraum, wie ihn unsere Schule darstellt, stattfindet. Dies nicht aus dem Auge zu verlieren, ist für uns eine große Herausforderung.
* In der Fröbelschule gilt das Ziel des normalen Grund- und Regelschullehrplanes des Landes Thüringen. Die Methoden und Wege des Lernens sind anders. Der Unterricht wird so viel wie möglich aus dem Unterrichtsraum in die Natur oder andere Institutionen gelegt. Der Anschaulichkeit kommt oberstes Prinzip zu.
Die Gruppen- und Partnerarbeit sowie die Freiarbeit schränken den frontalen Unterricht stark ein. Untersuchungen und Erkundungen sind oft angewandte Unterrichtsmethoden. Wir lehren handwerkliche Fertigkeiten nicht im Schulraum, sondern am Objekt in der Umwelt. Klassenübergreifend werden spezielle Förderangebote in spielerischer Form für Deutsch und Mathematik gegeben. So lassen sich Defizite auch über Alters- und Klassengruppen hinaus ausgleichen.
* Die 45 Minuten - Unterrichtsstunde ist nicht unumstößliches Prinzip. Es wird vielmehr im Block und in Projekten unterrichtet. Die Pausen werden individuell durch das in dieser Klasse eingesetzte Pädagogenteam gestaltet.
4 Für jedes Kind werden präzise Leistungseinschätzungen erstellt. Die Zensur rückt in den ersten vier Schuljahren in den Hintergrund. Beim Abgang von der Schule werden Zeugnisse erteilt. Bedingt durch die nur aufdas Kind bezogene Vorgehensweise werden Schulfrustrationen, Ängste und psychosomatische Störungen vermieden. Das schwer lernende, aber nicht lernbehinderte Kind wird optimal gefördert und gefordert.
* Die Forderungen des Thüringer Schulgesetzes in bezug auf Übergangsmöglichkeiten für Schüler stehen für uns nicht zur Disposition. Jedem Kind muß es ermöglicht werden, zu jedem Zeitpunkt ohne größere Schwierigkeiten betreffs des Überganges eine reguläre Thüringer Schule zu besuchen. Dieser Umstand ist in unseren Vorüberlegungen schon insofern berücksichtigt, daß wir uns klar darüber sind, für einige unserer Schüler von vornherein eine Durchgangsschule zu sein.
Des weiteren halten wir entsprechend des Förderschulgesetzes eine integrative Beschulung unter der Maßgabe der Lernzielgleichheit prinzipiell auch an unserer Schule für möglich.
* Im Rahmen der notwendigen Frühförderung von sprachbehinderten Kindern gestaltet sich eine enge Zusammenarbeit zwischen der Schule in Keilhau und dem Kindergarten. Kinder im Alter zwischen dem 5. und 6. Lebensjahr können im Rahmen des Integrationsprogrammes den Kindergarten besuchen und werden von Sprachheilpädagogen betreut. Im besonderen Fall werden Internatsplätze für diese Kinder zur Verfügung gestellt.
* Höhepunkte sind Feste und Feiern, die gemeinsam von Pädagogen und Schülern gestaltet werden und gleichzeitig Bewährungsfeld für die sprachbehinderten Schüler sind. ()her die Schule hinaus kommt es zu Auftritten in der Öffentlichkeit, in den Altersheimen in Rudolstadt und Umgebung. Hier wird die Integration Behinderter und Nichtbehinderter angestrebt, das Für- und Miteinander sowie Geben und Nehmen erlernt.
Anliegen und Zielstellung des
Schulversuchs
4 Älteste und einzige Fröbelschule der Welt *
Seit 176 Jahren wird in Keilhau Schulgeschichte geschrieben. Nach Comenius entwickelte Friedrich Fröbel als erster Deutscher eine durchgängige Pädagogik in bezug auf die Entwicklung, Bildung und Erziehung der Kinder vom Vorschulalter bis zur Hochschulreife bzw. Berufsausbildung. In seiner Schule wollte Fröbel Kinder zu "freien denkenden selbsttätigen Menschen" heranbilden. Diese Einrichtung blieb in ihrer materiellen Substanz weitgehend erhalten und wird nach Frobelschen Traditionen und Idealen in ihrer Einzigartigkeit in der Welt weitergeführt. So wie Fröbel seine Erfahrungen bei Pestalozzi sammelte, schauten berühmte Pädagogen zu Fröbel und entwickelten ihre Theorien. Auch heute ist das Interesse an Fröbel weltweit. Das zeigen die vielen Besucher, vor allem aus Japan und den nordeuropäischen Ländern, die nach Keilhau kommen und die Tradition erleben wollen.
Die Geschichte hat gezeigt, daß die Zukunft und der soziale Friede eines jeden Staates auch in einer ausgewogenen und umfangreichen Ausbildung der Persönlichkeit des Kindes und Jugendlichen liegt.
Unser Anliegen besteht darin, die Historie lebendig werden zu lassen, d.h. mit Fröbel eine Antwort auf die heutigen Fragen der Bildung und Erziehung zu finden ' das Machbare seiner Methoden in der Gegenwart für alle Schulformen zu nutzen.
- sprachbehinderten Kindern der ersten bis sechsten Klassen einen schulpraktischen Bildungsgang anzubieten, der Einfluß auf alle Äußerungsbereiche der Persönlichkeit nimmt, um eine optimale Entwicklung zu sichern.
- durch eine Ganztagsförderung mit speziellen Differenzierungsmaßnahmen auf individuelle Besonderheiten der Kinder einzugehen, wobei Schule und Internat unabdingbar gemeinsam handeln müssen. Das Kollegium identifiziert sich mit diesem hohen Anspruchsniveau. Eine Schule lebt davon, wie individuell sie ist.
Dabei ergeben sich folgende Fragestellungen:
1.Wie können durch intensive Förderung im Vorschulteil (Kindergarten Keilhau) günstige Voraussetzungen für den Übergang zur Schule geschaffen werden?
2.Wie können in der Behindertenpädagogik pädagogisch - historische Grundsätze sowie Methoden Fröbels Anwendung finden? Die Wechselwirkung zwischen Objektivität und Individualität muß gewahrt bleiben.
3.Welche Einbeziehungsmöglichkeiten der breiten Öffentlichkeit gibt es, um Schule aktuell zu gestalten?
4. Durch welche Organisations- und Kooperationsformen können wir die Kinder zum integrativen Zusammenleben bzw. zum nahtlosen Wechsel von der Förder- in die Grund- und Regelschule am Heimatort nach Rehabilitation befähigen?
5.Welche Tragfähigkeit hat Keilhau als Schule heute im Land Thüringen?
Bedeutung des Schulversuchs für die Thüringer Region
Keilhau ist weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Es ist ein Teil der kulturhistorischen Landschaft, die speziell dem reformpädagogischen Bereich entspricht.
Die bildungspolitische Bedeutung liegt darin, die pädagogischen Vorstellungen von Fröbel der Welt in der Praxis vorzuführen. Damit wird ein Weiterleben des Fröbelschen Gedankengutes als lebendiges Denkmal bewahrt und verwirklicht. Wir unterstützen dabei auch die Meinung der sozialpolitischen Sprecherin der CDU im Landtag Frau Johanna Arenhovel (veröffentlicht im "Thüringer Landtagskurier" Heft 4/93, S.8): "Nun ist die geistige Auseinandersetzung mit der Fröbelschen Pädagogik sehr interessant, denn er hat sich auf beispielhafte Art mit dem Kind, seinen Beziehungen zu Vater und Mutter und seiner Förderung ... befaßt. Das Land Thüringen hat sich entschlossen, zu den Fragen der Kinderbetreuung mutig neue Wege zu gehen und nach den Jahrzehnten ideologischer Indoktrination einen ungeahnten Aufbruch zu wagen. "
In Keilhau wurde Schulgeschichte geschrieben. Aussagen der Fröbelschen Pädagogik sind heute noch vielfach aktuell. In der modernen pädagogischen wie auch psychologischen Diskussion wird über Probleme diskutiert, die Fröbel schon vor rund 170 Jahren bearbeitete und deren Verwirklichung erst heute angestrebt wird.
"So betrachten wir das ganze Erziehungs- und Unterrichts- . das ganze Lehr- und Bildungsgeschäft als eine große, ungestückte, dem Menschen zur Erkenntnis aller innern und äußern Forderungen seiner Bestimmung hinführende und zur sichern Erfüllung derselben geschickt machende Einheit und ebenso alle Erziehungs- , 1 Unterrichts- , Lehrund Bildungsgegenstände als notwendige Glieder eines lebendigen Ganzen; . . . "
(Fröbel : Grundsätze, Zweck und inneres Leben der allgem. deutschen Erziehungsanstalt Keilhau..., 1821)
Die Schule in Keilhau will mit dem Schulversuch dem hohen Anspruchsniveau der ältesten und einzigen noch bestehenden Fröbeleinrichtung gerecht werden. Folgendes wollen wir erreichen:
Eine humane Schule, in der es keine Schulfrustration sowie Ängste gibt, in der Gewalt nicht zum Tragen kommt, wo bestmögliche Lemergebnisse mit alternativen Methoden auch beim schwer lernenden Kind erreicht werden, soll beispielgebend für Thüringen sein.
- Die Intematserziehung, die weiter als die Ganztageserziehung reicht, soll nicht das Ersterziehungsrecht der Eltern einschränken, sondern miteinander durch ein Förderprogramm die Rehabilitation intensivieren und die Neuorientierung der Persönlichkeit des Kindes vorantreiben.
" das zusammengesetzte Ganze einer großen Schule muß feste Formen, einen sichern, anerkannten, äußerlich im voraus nach Zeit und Ziel bestimmbaren Lehrgang haben und alles muß wie ein Räderwerk ineinandergreifen." (_Aus Fröbels um 1829 entstandenen Briefentwurf an den Herzog von Meiningen, in W Lange, 1862, Bd. 1)
- Keilhau wird Fortbildungsstätte für Pädagogen sein. In Zusammenarbeit mit dem ThILLM, den Bereichen Förderschulen, Schulentwicklung und Pädagogik / Psychologie werden aufgrund der günstigen Bedingungen bezüglich der Lehrräume und der Unterbringung verstärkt Kurse durchgeführt und damit u. a. auch die Forderung berücksichtigt, den Schulversuch in seiner Wirkung nicht auf eine Schule zu beschränken, sondern regional und überregional zu diskutieren. Die langjährigen Erfahrungen der Kollegen in Internat und Schule auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Traditionspflege bieten Themen zur Lehrgangsgestaltung. Der Schulversuch wird dabei Inhalt von Diskussionsrunden sein. Die direkte Auswertung und Veröffentlichung der Ergebnisse erfolgt in den " Neuen Keilhauer Blättern", einer Zeitung, die in der Vergangenheit schon pädagogische, psychologische sowie methodische Aussagen publizierte. Diese werden den schulpolitischen Gremien, den Universitäten und allen Interessenten zur Verfügung gestellt. Auch der Jahresbericht wird als Dokumentation veröffentlicht. Er enthält analytische sowie prognostische Aussagen.
Mit Hilfe von Videos werden Möglichkeiten geschaffen, spezielle Unterrichtsmethoden näher kennenzulernen und für Fortbildungen zu nutzen, Wir erhalten dabei Unterstützung durch das ThILLM. Hospitationen sind zu jeder Zeit möglich, da wir uns als offene Einrichtung betrachten.
- Keilhau soll schulpraktische Ausbildungsstätte werden, einerseits für Referendare mit der Studienrichtung Grundschullehrer sowie Sonderschullehrer, andererseits bieten sich Praktikas im Fach Pädagogik und Erziehungstheorie an. Die 3500 Bände umfassende historische Bibliothek der Schule bietet die Möglichkeit, Forschungsarbeiten zu unterstützen. Absprachen dazu erfolgten bereits mit der PH Erfurt. - Im Rahmen des Förderschulwesens werden die Keilhauer Kollegen Erfahrungsberichte und Diskussionsrunden anbieten. - Der Bildungstourismus, der ohnehin seitens der Pädagogischen Schulen und Universitäten der alten Bundesländer sowie vieler Länder Europas und Japans besteht, erhält neue Inhalte und Aussagen.
Dem internationalen Interesse an Fröbelscher Methodik zu entsprechen, bringt Thüringen in eine exponierte Stellung in der internationalen Bildungslandschaft.
Der Kindergarten Fröbels "Ein lebendiges Denkmal" ![]()
Matthias Brodbeck
Den Menschen als Gliedganzes in seiner Ganzheit und als Glied eines größeren Ganzen zu sehen, dies' ist ein wesentlicher Teil Fröbelschen Menschenbildes. Auch der Mensch existierte für ihn zugleich in der seine sphärephilosophischen Weltsicht ausmachenden Einheit und Mannigfaltigkeit.
Aus der Mannigfaltigkeit dessen, was den Menschen ausmacht auch nur einen Teil herauszulösen, erscheint so im Fröbelschen Sinne unvorstellbar.
Wie ist es aber, wenn sich die Menschen Denkmäler schaffen? Kennen wir nicht die mehr oder weniger vom Zahn der Zeit benagten Figuren aus Stein, Eisen oder Bronze, auf Sockeln stehend, unerreichbar erscheinend? Wie unerreichbar vor allem für Kinder. Schwingt da nicht oft eher die Aufforderung "Sei ehrfürchtig" als die "Denk mal!" ?
Woran liegt dies aber? Vielleicht auch daran, daß zumindest den Menschen, die Leben und Wirken der so dargestellten nicht oder, nur wenig kennen, eigentlich nur ein Name und eine kalte materielle Hülle gegenübertritt? ...
Der Gedanke, großen Menschen lebendige Denkmäler zu schaffen, durchzog das gesamte Leben Fröbels Mehr als Name und steinerne Hülle sollten sie sein, sie sollten den lebenden Menschen von Nutzen sein. Deshalb verwundert es nicht, daß die Gründung des "Allgemeinen deutschen Kindergartens" am 28.Juni 1840 im Ratskeller zu Blankenburg / Thüringen dem 400. Jubiläum der Erfindung des Buchdruckes durch GUTENBERG gewidmet war. Im Zusammenhang mit der im Jahre 1846 forcierten Idee, Martin Luther in Möhra ein Denkmal zu schaffen, brachte Fröbel folgenden Vorschlag ein: "ein lebendiges Denkmal", "Luthers Kindergarten" -einen Musterkindergarten in der Nähe des Standbildes zu begründen. Dies wäre der rechte, lebensvolle Magnet, welcher zur Beachtung des an sich toten, starren Standbildes nach Möhra von Nähe und Ferne zöge. "
Nach dem Tode Fröbels gab es eine Reihe von Versuchen, ihm selbst ein lebendiges Denkmal zu setzen. Da gab es den Vorschlag Diesterwegs, eine Goethestiftung nach Fröbelschen Grundsätzen und Ideen zu gestalten. Da gab es 1925 ein Projekt für ein Fröbelhaus in Bad Liebenstein, an dem maßgeblich auch der Begründer der Bauhaus - Bewegung W. Gropius beteiligt war.
Mit dem Kindergarten hat sich Fröbel sein "lebendiges Denkmal" selbst geschaffen, welches "tote, starre Standbilder" entbehrlich macht.
"Das Leben im Kindergarten geht unter klar bewußter Pflege von freier Sittlichkeit auf der kindlichen Stufe aus, führt zur Selbständigkeit und Gemeinsamkeit und bildet in stetiger Entwicklung die geistigen und körperlichen Kräfte des Kindes aus. Der Kindergarten erstrebt Menschen-, Natur- und Gotteseinigung,
(Friedrich Fröbel)
Zur Wirkung der Fröbelschen Kindergartenideale im In- und Ausland ![]()
Paul Mitzenheim
Als Fröbel 1852 starb - getroffen vom bislang härtesten Schlag der Reaktion gegen seine pädagogische Tätigkeit, dem Kindergartenverbot - hinterließ er der Nachwelt ein umfangreiches geistiges und praktisches Erbe zur prüfenden Aneignung und Fortführung - so steht es in der Fröbel - Biographie von Rosemarie Boldt und Wolfgang Eichler, die 1982 in der DDR und BRD publiziert worden ist. Durch die Wirkung seiner Persönlichkeit hatte er (viele) begeisterte Anhänger gewonnen. Allen Anfeindungen des Fröbelschen Werkes zum Trotz erklärte 1853 die allgemeine, deutsche Lehrerversammlung, die in Bad Salzungen stattfand, sie "anerkennt die Fröbelsche Erziehungsweise als eine wahrhaft naturgemäße, entwickelnde, namentlich die selbständige Tätigkeit befördernde" und die "Fröbelschen Kindergärten für eine höchst zweckmäßige Vorstufe der Volksschule" .
In seinem Testament bestimmte Fröbel seine zweite Frau Louise als einzige Erbin und Verwalterin seines Nachlasses. Nach kurzer Tätigkeit zusammen mit Middendorff in Marienthal und Keilhau, und nach Middendorffs Tod in Dresden, übersiedelte sie im September 1854 nach Hamburg, wo sie noch Jahrzehnte im Geiste Fröbels handelte und eifrig die Kindergartenbestrebungen förderte. Das ist wohl ein Grund mehr, warum die Stadt Hamburg ein günstiger Platz für die Ausbreitung Fröbelscher Pädagogik blieb. Zu den namhaften Persönlichkeiten, die im 19. Jahrhundert für Fröbels Ideen in Wort und Schrift eintraten, gehört Wichard Lange, der durch die Heirat von Alwine Middendorff mit Fröbel und dem engeren Kreis der Mitarbeiter Fröbels ohnehin intensive persönliche Kontakte pflegte. Er redigierte Friedrich Fröbels Wochenschrift "Ein Einigungsblatt für alle Freunde der Menschenbildung" 1850. Für die Geschichte der Erziehung machte er sich verdient durch die Herausgabe gesammelter Schriften von Fröbel in drei Bänden 1862/63 und die zweite Auflage der Mutter- und Koselieder. Robert Rißmann schrieb in seinem Buch "Deutsche Pädagogen des 19. Jahrhunderts" (Leipzig 1910) über Wichard Lange: er gehörte nicht zu den Fröbelianern, die mit des Meisters halbverstandenen Worten Parade machten, er hat klarer als andere Fröbels Lehre erfaßt. In den von Lange nach Diesterwegs Tod von 1866 bis 1884 fortgeführten "Rheinischen Blättern für Erziehung" wird sichtbar, daß sich um ihn besonders die Kräfte scharten, die zu jeder Zeit der Fröbelschen Pädagogik als Ganzes treu bleiben wollten. In einer der ältesten Darstellungen der Geschichte der Pädagogik in Karl Schmidts Geschichte der Pädagogik, 1. Auflage 1862, die 3. verbesserte Auflage gab Wichard Lange heraus, wird beispielsweise die "Menschenerziehung" Fröbels als "eines der tiefsinnigsten pädagogischen Erzeugnisse charakterisiert, das Werk eines ursprünglichen Geistes, der die tiefsinnigste Liebe zur Kinderwelt in sich trug". Karl Schmidt förderte hier in Fröbels Thüringer Heimat zugleich als Schulrat in Gotha das Verständnis für das Zusammenwirken von Kindergarten und Schule, ähnlich wie Theodor Hoffmann, Schulrat in Hamburg und langjähriger Präsident der deutschen Lehrerversammlung. Karl Schmidt traf die Anordnung, daß die künftigen Lehrer wöchentlich zwei Stunden den Kindergarten von August Köhler zu besuchen hatten. Karl Schrnidt initiierte auch die Zeitschrift "Erziehung der Gegenwart" mit Berücksichtigung von Fröbels Grundsätzen 1861/62. August Köhler, Leiter des ersten Kindergarten -Seminars in Gotha, gehörte zu den Mitbegründern der ständigen Kindergartenzeitung, die seit 1860 bei Hermann Böhlau in Weimar erschien und wo er 1863 zusammen mit Böhlau und anderen Fröbel - Freunden den "Deutschen Fröbelverein zunächst für Thüringen" beschloß. Als Zweck des Vereins wurde angegeben: "Verbreitung, Pflege und Entwicklung der Kindergärten und Fröbelscher Erziehungsgrundsätze überhaupt". Mit der Zeit wurde erzu einem Unterstützungsverein von Kindergärten und Kindergärtnerinnen und zur Keimzelle des deutschen Fröbelverbandes in den siebziger Jahren, dessen Zentrum nach der Entstehung des "Pestalozzi - Fröbel - Hauses" in Berlin unter der Leitung von Henriette Schrader-Breymann, einer Großnichte Fröbels, sich nach Berlin verlagerte. Die gesamte Arbeit des "Pestalozzi - Fröbel -Hauses" war über viele Jahre von einer regen sozialen Tätigkeit durchdrungen, und es entfaltete eine sozialpädagogische Kindergartenpraxis mit häuslicher Atmosphäre und entsprechenden Beschäftigungen. So wurde in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und auch danach zwar eine breite Öffentlichkeitsarbeit für den Kindergarten geleistet, aber die Spieltheorie Fröbels nicht angemessen rezipiert. Dennoch war gerade das Werk und Wirken Fröbels geeignet, bestimmten Bestrebungen der sich seit den achtziger Jahren entwickelnden bürgerlichen Frauenbewegung Ziel und Inhalt zu weisen.
Fröbels Ideen haben sich infolge des Kindergartenverbots in Preußen und anderer Umstände im Ausland rascher verbreitet als in Deutschland. Namentlich in Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Rußland, England, Nordamerika, Japan bewies die Einrichtung von Kindergärten, daß durch Fröbel angeregt von weiten Kreisen die Bedeutung der ersten Erziehung, der Vorschulerziehung tatkräftig erfaßt wird. In Österreich wurde sogar bereits 1872 die Errichtung Fröbelscher Kindergärten unter staatliche Fürsorge genommen. Aber schon während des Kindergartenverbots in Preußen gelangten vor allem über deutsche Demokraten, die nach der gescheiterten Revolution 1848/49 emigrieren mußten, Ideen von Fröbel ins Ausland. Die Grundgedanken der Pädagogik Fröbels kamen Vorstellungen der kleinbürgerlichen Demokraten als auch denen utopischer Sozialisten entgegen wie Charles Dickens in England, Charles Fourier in Frankreich. In Rußland setzten sich Uschinski, Dostojewski und Leo Tolstoi mit Fröbels Erziehungsauffassung auseinander. Im Zusammenhang mit der Wirkungsgeschichte des Werkes von Fröbel im Ausland rücke ich nur den Altenburger Demokraten Adolf Douai ins Blickfeld, weil er als einer der eifrigen Verfechter von Fröbels Kindergartenpädagogik und Menschenbildung vor allem in den USA hervortrat, und er bejahte vorbehaltlos die pädagogischen Ansichten Frobels für den Kindergarten und die Schule. Er wollte die von Fröbel erarbeiteten Erkenntnisse über Erziehung unter den vielleicht größten aller Entdeckungen und Erfindungen genannt wissen. Als Gründe für seine hohe Wertschätzung Friedrich Fröbels führte Adolf Douai vier Vorzüge an:
1. die Verbesserung der Familienerziehung beider Eltern im Kindergarten und die Ausbildung der Mütter als Kindergärtnerinnen,
2. die Familienerziehung als Ergänzung zur gesellschaftlichen Erziehung und der Gedanke, daß Kinder mehr durch Kinder erzogen werden sollten; die gegenseitige Erziehung der Kinder hatte Frobel zwar nicht erfunden, aber er sei der erste gewesen, der sie bewußt ausgenutzt hätte,
3. die harmonische Entwicklung der Anlagen des Kindes im Kindergarten, die Nutzung des Spiels als Anleitung zur Selbsttätigkeit, die Befähigung der Kinder zum Beobachten, zum selbständigen Lernen und Beschäftigen,
4. die Förderung der gesunden körperlichen Entwicklung der Kinder, ihre Vorbereitung auf die Arbeit und die Erziehung zur Achtung vor der Arbeit durch das Spiel (vgl. Dissertation 1. Schossig, 1987, S. 107 / 108). Die Fröbelschen Spielgaben bezeichnete er als die "trefflichsten Mittel" der Kindererziehung und schrieb vom unerschöpflichen Reichtum Fröbelscher Beschäftigungsmittel.
Adolf Douai wurde von mir als Beispiel für diejenigen Pädagogen genannt, die Fröbels Ideen im 19. Jahrhundert aufgriffen und weitertrugen, weil im Jahre 1871 eine von ihm in englischer Sprache verfaßte Broschüre: "The Kindergarten. A Manual for the Introduction of Froebel' s System of Primary Education " nach Japan gelangte und dort die Fröbelrezeption in Gang setzte.
Die Aufhebung des Kindergartenverbots in Deutschland sowie die Ausbreitung von Kindergärten im Ausland war u.a. auch auf die Einsatzbereitschaft der Baronin Bertha Marenholtz-Bülow zurückzuführen, die die Erziehungspraxis Fröbels 1849 in Liebenstein selbst kennengelernt hatte. (Auszug aus der Festrede zum 175 jährigen Gründungsjubiläum der Allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt im Juni 1 992 in Keilhau)
Zu den Anfängen des Kindergartens in den Vereinigten Staaten ![]()
Aus der Übersetzung der Broschüre " First Kindergarten in the United States " durch Schüler des Gymnasiums Rudolstadt
Die Einführung des Kindergartens in dieses Land könnte durch zwei Einflüsse hervorgerufen worden sein. Der erste kam von einer kleinen Gruppe Ernigranten, die nach der Revolution von 1848 in Amerika eintrafen, der zweite rührte von Elizabeth Peabody und anderen aktiven Mitgliedern der Concord School of Philosophy her.
In der Zeit von 1850 - 1860 eröffneten viele Deutsche private Schulen mit zweisprachigem Charakter in allen größeren Städten, in denen sich ihre Landsleute niedergelassen hatten. Zum Beispiel in New York City, Hoboken, Detroit, Milwaukee, Louisville und vielen anderen. Diese Schulen beruhten auf den Methoden der neuen Erziehung, die zu dieser Zeit in den USA kaum oder gar keine Anerkennung fanden. Ihr indirekter Einfluß zugunsten der neuen allgemeinen Erziehung und besonders der Kindergärten war beachtlich. Die ganze Kindergartenbewegung in Wisconsin kann auf Bemühungen der Deutsch - Englischen Akademie zurückgeführt werden, besonders auf die in Louisville, Ky. ; Detroit, Mich.- und ganz besonders auf die Einrichtung in Newark, N.J., wo Dr. Douai der Direktor war. Wie aus Hinweisen bekannt ist, nahm als erste deutsch - englische Einrichtung die Schule von Dr. Douai einen Kindergarten auf, der 1861 ein Teil dieser Einrichtung wurde.
Der erste Kindergarten in den USA, so wird weitverbreitet vermutet, sollte in Boston 1860 von Elizabeth Peabody eröffhet worden sein. Der erste Kindergarten aber war jener im Hause von Carl Schurz in Watertown, Wisconsin. Mrs. Margarethe Meyer Schurz (Schwester von Bertha Ronge und Frau des deutsch-amerikanischen Staatsmannes Carl Schurz) - eine Schüler‑in in der von Fröbel gegründeten Ausbildungsschule - eröffnete diesen deutschsprachigen Kindergarten 1856. Daß die ihr gebührende Ehre, in dieses Land einen so wertvollen erzieherischen Beitrag gebracht zu haben, erst spät allgemeine Anerkennung fand, ist leichter zu verstehen, wenn man betrachtet, daß ihr Hauptbeitrag inspirierenden Charakter trug - die Inspiration der Elizabeth Peabody für ihr großes Lebenswerk. Es war Mrs. Schurz, die den Kindergarlenimpuls an E. Peabody weiter gab, die allgemein als Apostel der Kindergartenbewegung in den Vereinigten Staaten bezeichnet wird. E. Peabody gründete den ersten englischsprachigen Kindergarten in Boston, nachdem sie im Winter 1859 mit Mrs. Schurz zusammengetroffen war und durch diese auch einen Einblick in die praktischen Details der Leitung eines Kindergartens gewonnen hatte. Von diesem Beginn in Boston an verbreitete sich die neue Institution im ganzen Land.
Die Geschichte räumt dem Staat Wisconsin den Rang ein, den ersten Kindergarten in den USA errichtet zu haben. Wisconsin hat den Weg gebahnt für viele soziale und erzieherische Unternehmungen; aber vom Standpunkt aus, die größten Anstrengungen auf die Vorschulausbildung zu konzentrieren, hätte keine Bewegung prophetischer sein können, als dieser zarte Beginn vor 127 Jahren in Watertown.
Der Schurzsche Kindergarten
1856 Mrs. Schurz leitete die erste Gruppe im Wohnzimmer oder Salon ihres Heimes in Watertown, das sich an der Stelle des heutigen 700. Blocks der North Church Street befand. Dieses wunderschöne Heim wurde im Dezember 1915 durch ein Feuer zerstört, gerade als Maßnahmen ergriffen wurden, um es als historische Stätte zu erhalten. Mit Beginn des Winters wurde der Kindergarten in ein kleines Holzhaus der älteren Schurzes im Zentrum der Stadt, Ecke Second Street / Jones Street verlegt.
Herbst 1858 Weggang der Schurz-Familie nach Milwaukee (Die Kindergartenidee wurde von Carl Schurz' Cousine, Miss Juessen, übernommen, gefolgt von Mrs. Rose Kunert. 1876 schließlich übernahm Mrs. Elle Koenig, Frau Kunerts Schwester, den Kindergarten. Diese Jahrgänge waren nicht im Schurz-Gebäude untergebracht, da dieses in ein Geschäft umgebaut wurde.)
2. Mai 1929 Einweihung eines Denkmals zu Ehren von Mrs. Schurz durch die Frauen des Saturday Club von Watertown
28.12.1956 Umzug des Kindergartengebäudes auf das Gelände des Octagon - House. Dieser wurde (ebenso wie die anschließende Rekonstruktion des Gebäudes) von der Historischen Gesellschaft von Watertown initiiert und geleitet.
Die wehmütige kleine weiße Stätte steht wie ein Leuchtsignal auf dem Richards-Hügel - ein stilles Denkmal für die Tausenden von Kindergartenerziehern, aber in erster Linie für Frau Margarethe Meyer Schurz.
Die historische Schulbibliothek ![]()
Anita Bathke
Betritt man als Besucher zum ersten Mal das Gelände der Keilhauer Einrichtung, ahnt man nicht, daß hier eine Sammlung schriftlicher Zeitzeugen beherbergt wird - die historische Schulbibliothek. In ihrer bewahrten Eigenständigkeit stellte und stellt sie ein besonderes Charakteristikum der Fröbelschule dar. Die hier befindlichen Schriften haben zum Teil eine wechselvolle Geschichte erfahren, die im einzelnen heute nicht mehr genau nachvollziehbar ist. Herr Alexander Hübener wandte während seiner Amtszeit als Direktor unserer Einrichtung von 1962 bis 1990 dem Bestand der Bibliothek sein besonderes Interesse zu und trug entscheidend zu dessen Überlieferung und Erhaltung bei. Ausgewählte wertvolle Bücher prägten im Einklang mit geschichtlichen Daten, Bildern und Vitrinen mit Fröbelschen Spielgaben das Bild eines bis 1992 im vorderen Raum der heutigen Bibliothek bestehenden kleinen Fröbelmuseums auf besondere Weise mit. Fröbelfreunde aus aller Welt, die die erste Wirkungsstätte des Thüringer Pädagogen in Keilhau besuchten, ließen es sich nicht nehmen, hier den interessanten und detaillierten Erläuterungen Alexander Hübeners zu Leben und Wirken Friedrich Fröbels zu folgen.
Eine mit großem Engagement des Keilhauer Kollegiums betriebene Neusichtung der besonders im hinteren Raum der heutigen Bibliothek gelagerten Schriften erfolgte im Zusammenhang mit der Gestaltung des neuen Schulmuseums im rekonstruierten Unterhaus anläßlich des 175jährigen Gründungsjubiläums der Allgemeinen Deutschen Erziehungsanstalt. Die im Schulmuseum ausgestellten Werke vermitteln in anschaulicher Weise einen Einblick in historische Zusammenhänge, die Schulgeschichte und Fröbels Wirken als Pädagoge. Im Museum vollständig einzusehen ist ein Verzeichnis der Schriften Fröbels und der aus seinem Besitz stammenden Bücher, das von Alexander Hübener / Anita Bathke erstellt und erstmals 1992 auszugsweise in der Festschrift veröffentlicht wurde.
Die wertvolle Keilhauer Sammlung umfaßt gegenwärtig einen Buchbestand von etwa 3500 Bänden, einschließlich der von der Akademie der Wissenschaften zu Berlin / DDR zurückgegebenen Schriften, eine Notensammlung als Spezialsammlung, eine größere Anzahl von Archivmaterial / Handschriften aus dem 19. Jahrhundert sowie Gelegenheitsschriften (Zeitschriften zu bestimmten Festen und Anlässen).
Schwerpunkte der Büchersammlung bilden die Schriften von und über Fröbel, pädagogische und schulpraktische Werke. Zahlreich vorhanden ist Literatur zu den Naturwissenschaften sowie zur Deutschen Literatur und Sprache.
Hans - Georg Barop und Jürgen Gutknecht, ehemalige Schüler der Keilhauer Einrichtung, übereigneten der Keilhauer Einrichtung Bücher aus ihrem Besitz. Von Karl - Hermann Grevel, Freundeskreis "Ehemalige Keilhauer", erhielten wir die 24bändige, in Leder gebundene Ausgabe der Brockhaus - Enzyklopädie. Diese Schriften bereichern den Bibliotheksbestand.
Die wertvolle Keilhauer Sammlung ist ein kulturhistorisches Denkmal. Gegenwärtig erfolgt eine ansprechende und liebevolle Neugestaltung der Räume. Im Rahmen des Handbuchs der historischen Buchbestände in Deutschland, das durch die VolkswagenStiftung gefördert und von der Universität Münster (Prof Bernhard Fabian) betreut wird, werden die Bestände der Keilhauer Schulbibliothek für den Regionalband Thüringen durch Frau Dr. Marwinski erfaßt und einer breiteren interessierten Öffentlichkeit bekanntgemacht. Historische Schul- bzw. Gymnasialbibliotheken sind in Thüringen z.B. in Schnepfenthal, Schleiz, Meiningen und Weimar überliefert worden.
Im Rahmen der lebensnahen Pflege Fröbelscher Traditionen wird die Keilhauer Spezialbibliothek z.Z. neu geordnet und demnächst der fachwissenschaftlichen Nutzung zugänglich sein.
Der historische Friedhof in Keilhau ![]()
Alexander Hübener
Am Südhang des Kirschberges in Keilhau, direkt in den Waldrand eingebettet, liegt etwa 200 Meter vom Dorf entfernt der Friedhof der Keilhauer Fröbelschule. Der Weg führt steil aufwärts bis zu einer Bank, die zum Verweilen einlädt. Von hier aus hat man einen herrlichen Blick über das Dörfchen mit seinen etwa 30 Häusern. Man erkennt die ehemalige "Allgemeine deutsche Erziehungsanstalt" mit ihren für Keilhau ansehnlichen Gebäuden, und man kann seinen Blick über die umliegenden Gärten, Wiesen und Felder, Berge und Wälder schweifen lassen.
Einige Schritte seitwärts führen uns zum historischen Friedhof Dieses sanft ansteigende 30 X 30 Meter große Areal wirkt beinahe wie ein Stück der umgebenden Natur.
Ein Gang durch die in fünf Reihen angeordneten Gräber dieses etwa 1827 angelegten Friedhofes vermittelt dem Gast nicht nur ein Stück Schulgeschichte der Fröbelschule, sondern er wird auch mit Familienschicksalen der Gründer der Schule und mit Familiengeschichte besonders der Familien Barop bekannt.
Das Grab Friedrich Fröbels sucht der Besucher vergebens. Der Begründer der Schule verstarb in Schweina bei Bad Liebenstein. Seine Grabstätte befindet sich auf dem Schweinaer Friedhof
Die ersten drei Gräber, an denen wir vorübergehen, sind die Gräber von Lehrern, die an der Keilhauer Schule tätig waren. Dr. phil. Reinhard S t i e b i t z war von Ostern 1909 bis März 1924, also 15 Jahre, als Lehrer tätig. Im Nachruf in den "Keilhauer Blättern" Nr.2, 1924, Seite 25, wurde formuliert: "...Seine Pflichterfüllung bis zum äußersten und sein 15jähriges Wirken und Schaffen an der Anstalt sichern ihm ein dauerndes Andenken in den Herzen seiner Schüler und Kollegen. Die Anstalt verliert mit ihm einen durch sein gediegenes Wissen und Können, seine überragenden Geistesgaben und seinen vornehmen Charakter kaum zu ersetzenden Mitarbeiter... Gerst. "
Studienrat Dr. Stiebitz setzte sich außerdem durch seine Inaugural-Dissertation zum Thema "Friedrich Fröbels Beziehungen zu Pestalozzi in den Jahren 1805 bis 1810 und ihre Wirkungen auf seine Pädagogik" ein bleibendes Denkmal. (Die Arbeit ist in unserem Fröbelarchiv vorhanden.)
Das zweite Grab ist das von Pro£ Wilhelm Rautenberg. Dieser trat 1895 in Keilhau ein und war 26 Jahre hier tätig. Anläßlich seines 25. Dienstjubiläums in Keilhau wurde seine Tätigkeit gewürdigt: "Die Zahl seiner Schüler, die er in den fremden Sprachen, im Deutschen und in der Geschichte unterrichtet hat, ist wohl eine der höchsten, die ein Keilhauer Lehrer bisher erreicht hat."
Nun folgt das Grab von Pro£ Heinrich Runge, der von 1881 bis 1894 in Keilhau wirkte. Seine Söhne Otto und Hans besuchten 1894 die Keilhauer Schule. Ob Prof. Runge ein Nachkomme Philipp Otto Runges ist, konnte ich nicht nachweisen. Sein Geburtsort Neustrelitz läßt es aber vermuten.
Das nächste Grab ist mit einem geschlossenen Buch geschmückt. Die Jahreszahlen 1869 und 1885 lassen erkennen, daß hier das Grab eines Schülers liegt, der im Alter von 15 Jahren verstarb. Eduard Moeller aus Buffalo war wegen einer vorhandenen Krankheit in diese Schule geschickt worden. Die ruhige Lage, die gesunde Luft und die natürliche Kost sollten helfen, die Krankheit zu überwinden - aber vergeblich!
Die beiden, durch einen Weg getrennten Gräber, die die Namen L a n g e t h a l, Heinrich und Langethal, Ernestine geb. Chrispini tragen, sind die Ruhestätten des Mitbegründers der Keilhauer Schule, des Freundes und Mitkämpfers Friedrich Fröbels, H. Langethal und dessen Frau, der Pflegetochter von Fr. Fröbels Frau Henriette. Das Grab wird von Nachkommen der Langethals aus Erfurt gepflegt. Langethal starb kurz vor seinem 88. Geburtstag. Er war schon mehrere Jahre erblindet, unterrichtete aber bis in seine letzten Tage Religion, alte Geschichte und Griechisch. In der Schweiz hatte er mehrere Jahre Fröbels Spiel‑ und Beschäftigungsmaterialien mit den Vorschulkindem des Waisenhauses in Burgdorf ausprobiert, mit Fröbel korrespondiert und geholfen, die Kindergartenidee zu verwirklichen.
Auf dem nächsten Grab, das ein großes Kreuz aus Eisen ziert, lesen wir die Zahlen 1835 und 1848. Hier liegt ein Schüler begraben, der zu Fröbels Lebzeiten verstarb. 1835 hatte Barop die Leitung der Keilhauer Schule übernommen und Fröbel hielt sich nur zeitweise in Keilhau auf Christian Theodor Seyferth war von 1846 bis 1848 Schüler.
Die nun folgenden Gräber tragen die Namen
C l e m e n s. Die Männer waren ehemalige Schüler und betreuten als Mediziner die Schule. Von Fr. W. Clemens las ich eine Bemerkung: "Pflegesohn der Frau Fröbels", fand sie aber nicht nochmals bestätigt.
Verweilen wir noch einen Moment in diesem Teil des Friedhofes, fallen uns eventuell bei genauem Hinsehen drei Namen M i d d e n d o r f f auf Wilhelm Middendorff ist ein weiterer Mitbegründer der Keilhauer Schule und Feldzugskamerad Langethals und Fröbels. Er war Fröbel sehr eng verbunden und unterstützte ihn während der Keilhauer, der Schweizer und der Blankenburger Zeit vorbehaltlos. Er förderte die Kindergartenarbeit und die Verbreitung der Kindergartenidee durch mehrere kleine Schriften und Aufsätze. Seine Frau, Albertine, ist eine Nichte Fröbels.
Der dritte Name, Dr. Ernst Wilhelm Middendorff ist der eines zu Unrecht bei uns zu wenig bekannten Wissenschaftlers. Nach ihm ist ein Institut der Universität in Lima in Peru benannt. Dr. W. Middendorff war als Schiffsarzt in die neue Welt gereist und hielt sich etwa 25 Jahre in Peru auf Er erlernte die Sprache der Eingeborenen, schrieb deren Sprache, Sagen und Legenden, dramatische und lyrische Dichtungen in sechs Bänden auf Außerdem veröffentlichte er ein großes dreibändiges Werk über seine Beobachtungen und Studien in Peru. Seine Werke wurden um 1960 ins Spanische übersetzt, um sie einem größeren Leserkreis zugänglich zu machen. Heute noch wird Quechua, das ist die Sprache, mit der sich Middendorff so gründlich befaßte, von mehr als vier Millionen Menschen gesprochen. Wer weiß das schon? Aber in den Rudolstädter
Heimatheften gab es dazu 1971 in den Heften 7/8 und 11/12 Veröffentlichungen.
Drei oder vier Kindergräber folgen nun. Vor Jahren konnte man noch Langethal, Melchior?? und die Zahl 1827 lesen. Auf dem mittleren Stein erkannte man 1834 - 1835 und auf dem dritten Oktober 1829. Dieses sind die ältesten Grabstätten auf diesem Friedhof Zwei davon sind die der Kinder Langethals, die beide kein Jahr alt wurden.
Etwas unterhalb liegen Fröbels Bruder Johann Christian Ludwig Fröbel und dessen Frau Karoline, geb. Mügge, begraben. Christian Fröbel hatte seine Weberei in Osterode / Harz aufgegeben, war mit Frau und fünf Kindern nach Keilhau gezogen, um den Bruder, den Pädagogen , zu unterstützen, ihm finanziell zu helfen und ihm die Wirtschaft zu führen. Er gilt als der vierte Gründer Keilhaus.
Drei Kindergräber der Familien Barop und Gerst aus dem vergangenen Jahrhundert folgen, ehe drei Gräber von drei Lehrerinnen der Sprachheilschule die Reihe schließen. Das sind die Grabstätten Gertraude Hübeners, von 1953 bis 1985, also 32 Jahre Lehrerin in Keilhau; Gertraut Sielers, von 1956 bis 1968 Erzieherin und Lehrerin; und Christa Liemichs, von 1956 bis 1976 Erzieherin, Lehrerin und internatsleiterin.
Richard V o i g t und Frau Marie geb. Barop gehören zu der großen Anzahl der noch nicht beschriebenen Gräber der Familie und der Angehörigen der Familie Barop. Richard Voigt war der Besitzer der Porzellanfabrik in Schaala. Vor einigen Jahren teilte mir eine damals noch in Schaala lebende Verwandte der Familie Voigt mit, daß das Grab neben dem Ehepaar Voigt das der Tochter Friedrich von Schillers, Caroline, sei. Es müßte sich um Caroline Junot handeln, deren Sohn Louis Junot die Schule in Keilhau von 1834 bis 1836 besuchte. Nach seinem Entwurf wurde der Baropturm errichtet; er hat die Errichtung dieses Aussichtsturmes beaufsichtigt und geleitet.
Von Caroline Junot existiert in unserem Schulmuseum ein "Emile" von Rousseau mit der Eintragung "Caroline de Schiller". Das macht die erwähnte Mitteilung glaubwürdig.
In den nun folgenden Zeilen möchte ich mich auf einige für uns besonders bedeutsame Persönlichkeiten der letzten beiden Reihen von Gräbern beziehen.
Oberschulrat Dr. Johannes B a r o p ist der Mitbegründer und Bewahrer der Keilhauer Schule. Er war von 1826 an mit kurzen Unterbrechungen Mitarbeiter Fröbels. Seinem persönlichen Einsatz, seiner Tatkraft und seiner Umsicht, seinem Geschick im Umgang mit Menschen und seinen organisatorischen Fähigkeiten verdankt die Fröbelgründung ihr Überleben in schwierigen Zeiten und neue Blüte. Anläßlich seines 50. Dienstjubiläums wurde ihm von seinen ehemaligen Schülern ein Aussichtsturm gebaut: Der noch heute existierende Baropturm auf den Gölitzwänden.
Prof Dr. Johannes B a r o p folgte seinem Vater 1878 in der Leitung der Schule, bis er diese 1904 der gemeinsamen Leitung seines Sohnes Hans Barop sen. und seiner Schwiegersöhne Gottlieb Gerst und Otto Wächter übergab.
Hans Barop sen. und Hans Barop jun. waren die Leiter und Besitzer des Gutes, das zur Schule gehört hatte. Ein großer Teil der weiteren hier Bestatteten gehörte zu einer Erbengemeinschaft, die Wald, Feld, Schule und Häuser besaß.
Die Leitung der Schule lag bis 1939 in den Handen der Herren Gerst und Wächter
In den Keilhauer Blättern wird Herr Rektor R. Gössner genannt, der von 1885 - 1890 an der Schule tätig war. Er starb 1908 und sei auf dem Keilhauer Friedhof beigesetzt. Dieses Grab konnte ich nicht finden.
Nachdem wir uns überzeugt haben, daß viele der Menschen, die hier zur letzten Ruhe gebettet sind, sich der Bildung, Erziehung und Betreuung der Kinder und Jugendlichen gewidmet hatten oder in engen Beziehungen zur Keilhauer Schule standen, begreifen wir beim Abschied und beim Blick über den Oft und die liebliche Landschaft Fröbels Worte um so deutlicher:
"Welch ein Erziehungstal ! "